Berlin : Von Tag zu Tag: Knisternde Stille

Fatina Keilani

Berlin! Die Philharmoniker! Ach Wohlklang, Rausch, seelische Erhebung! Ganz zart und leise hebt der Pianist mit Schubert an. Der Zuhörer im Parkett gleitet langsam in die Entrückung. Doch dann - explosionsartig hustet einer. Fast denkt man, gleich fliegen ihm die Mandeln raus. Das muss man der Philharmonie lassen: Die Akustik ist glänzend hier. Wer vorn ganz leise den Frosch im Hals wegräuspert, ist bis zu den Stehplätzen bestens zu hören. Wer richtig hustet, bläst mit dem Lärm noch den letzten vom Sitz. Dagegen wollen die Philharmoniker jetzt angehen. Schließlich sollten sie es sein, die den Ton angeben, nicht die Röchler, Schniefer und Donnerhuster. Intendant Franz Xaver Ohnesorg, der über den Umweg New York aus Köln nach Berlin kam, hat von dort eine Idee mitgebracht. Denn die Kölner Huster waren für ihre Durchschlagskraft derart berüchtigt, dass der Pianist Alfred Brendel sie gleich in seinem ersten Gedichtband verewigte: Den Mitgliedern des Hust- und Klatschvereins / obliegt genaueste Kenntnis der Musikstücke / damit nach feierlichen Schlüssen unverzüglich geklatscht / und bei leisen Stellen (...) deutlich gehustet werden kann. In Kölle gewann Ohnesorg die Firma Klosterfrau als Sponsor und brachte mit deren Bonbons die Störer zum Schweigen. Auch in Berlin wird das Bonsche ab sofort an den Garderoben der Philharmonie verschenkt. Berliner Privileg: Loriot schenkte dem Orchester ein Anti-Husten-Logo dazu. So können wir bald ungehindert in die Entrückung gleiten. Das Bonbonpapier ist nämlich raschelfrei.

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