Von Tag zu Tag : Knospenfrage

Lothar Heinke freut sich auf den Lenz, der endlich angezwitschert kommt.

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Frühling, ja, du bist’s, dich hab ich vernommen? Von wegen. Missmutig schleicht, schlendert, rennt der vom vielen Himmelsgrau selbst grau gewordene Mitbürger durch die Stadt, die Hände in den Taschen vergraben, unter Mützen und Kapuzen versteckt, ein einziger stummer oder aufstöhnender Protest gegen das lahme Tempo, mit dem sich der Winter durch die Gegend schleppt, um endlich abzuhauen. Zum Glück trieb es dies kalte Jahr nicht zu toll: Keine Bannflüche über ungestreute glatte Straßen, kaum Beinbrüche, erträgliches S-Bahn- Chaos, während anderswo auf der Welt die Schneemassen Autos unter sich begruben. (Womit haben wir diese Vorzugsbehandlung durch Mutter Natur eigentlich verdient?) Der offizielle Frühlingsanfang steht ja erst nächsten Dienstag im Kalender, aber morgen soll er schon vorfristig und mit Pauken und Trompeten einreiten, der Holde: Frühsommerliche Wärme, knallende Knospen, wonniglich kreischende Vögel, Menschen, die sich küssen, Sonnenbänke vor Cafés, ausbrechende Forsythien, farbenprächtige Blumenläden, die ersten Stiefmütterchen im Park, steigende Säfte, Lebenslust: Einmal werden wir noch wach, dann isser da.

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