Von Tag zu Tag : Körperkunstkritik

Werner van Bebber über den grassierenden Ego-Exhibitionismus.

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Mit der Öffentlichkeit ist das so eine Sache: Viele Leute verstehen sie als Ausstellungsraum für ihre Individualität. Manche finden es cool, im Frotteebademantel über Neuköllner Straßen zu laufen. Andere langen in der Öffentlichkeit des Tiergartens einander in den Schritt. Da ist es nicht mehr weit bis zur öffentlichen Zurschaustellung dessen, was heute sehr alte Menschen mal das „Unaussprechliche“ genannt haben. Dass man hier in aller Öffentlichkeit so lässig mit Früher-mal-Tabus umgeht, findet immerhin der Londoner Bürgermeister supercool. Es zeigt ihm, dass Berlin keine Angriffskriege mehr plant.

Der Sommer hat indes auch gezeigt, dass die Tätowierkunst mit der Lust der Leute an der Ausstellung ihrer Egos nicht Schritt gehalten hat. Vielleicht liegt es daran, dass die Tätowierer mit dem Stechen kaum nachkommen bei all der Nachfrage nach Schlangen, Wikingern, Stacheldrahtringen, „Harley Davidson“-Schriftzügen und bunten Blümchen. Die heißen Wochenenden haben körperkunstkritischen Betrachtern bewiesen, dass malerisch wie motivisch noch Entwicklungen möglich sind. Es sieht zu banal aus, sich einfach nur das Wort „Spandau“ ins Genick tätowieren zu lassen. Die eigene Bushaltestelle sollte man schon dazuschreiben.

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