Berlin : Von Tag zu Tag: Kollektives Vergnügen

Sigrid Kneist

Manche Menschen brauchen Druck. Zeitdruck. Tickt die Uhr nicht unbarmherzig, tun sie gar nichts. Studenten etwa. Etwa 99 Prozent der Examensarbeiten werden eine Woche vor Abgabetermin geschrieben, 24-Stunden-Schichten müssen dann sein. Auch bei nicht ganz so existenziellen, sogar regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen möchten viele die drohende Deadline nicht missen. Nicht, dass jetzt gerade die Saison wäre, aber wie viele Weihnachtsgeschenke werden erst in den letzten Geschäftsstunden des Heiligabends besorgt.

Eine besondere Spezies der auf-den-letzten-Drücker-Abhängigen stellt die Gemeinschaft der Kunstsinnigen dar. Eine Ausstellung ist nur noch ein, zwei Tage geöffnet; da muss die Szene natürlich gemeinsam hin. Was macht schon mehr Spaß, als sich in den letzten Tagen bis spät in den Abend in langen Schlangen vor den Eingängen zu versammeln, sich dicht an dicht an den Werken vorbeizuschieben und vor lauter Gedränge nur die Hälfte mitzubekommen? Einfach so in den langen Wochen vorher hinzugehen, wäre doch fad. Vergangenes Wochenende drängte sich die Kunstgemeinde in der zu Ende gehenden Preußenausstellung im Schloss Charlottenburg. Heute und morgen kann sie sich diesem Vergnügen wieder hingeben: bei Ernst-Ludwig Kirchner und dem Potsdamer Platz in der Neuen Nationalgalerie - jeweils bis 22 Uhr. Ein kollektives Erlebnis im Kreise Gleichgesinnter ist garantiert.

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