Berlin : Von Tag zu Tag: Krähen auf der Höhe

Ekkehard Schwerk

Vordergründig verhalten sich die Krähen wie Touristen: Sie bevölkern das Neubauviertel am Potsdamer Platz. Dies aber nur bei einbrechender Dämmerung. Wenn die Nacht sich auf die Stadt gesenkt hat, ziehen unsere gefiederten Wintergäste wie auch viele Dauerbewohner ein Stückchen weiter in den Tiergarten. Dort suchen sie ihre Schlafbäume auf. Sie machen eben nicht, wie mancher Tourist, hier die Nacht durch, sondern fliegen krächzend und keckernd aus allen Himmelsrichtungen Berlins abends auf den Tiergarten, ihr großes Schlafzimmer zu. Im Grunewald nächtigen sie übrigens nicht.

Den Rabenvögeln ist es freilich einerlei, ob sie den Japanern oder Sindelfingern auf deren Berliner Dächer steigen. Da klecksen sie was drauf. Ihnen kommt es vielmehr auf die jeweils höchste Position an, was sie ebenfalls nur vordergründig mit manchen ehrgeizigen Zeitgenossen gemein macht. Die Natur ist klüger als die Ehrgeizlinge unter den Menschen. Die Rabenvögel brauchen - nicht zuletzt aus angeratener Distanz zu Menschen - einen weiten Überblick. Und zwar alle gleichermaßen, was sie von dem Menschen wieder angenehm unterscheidet, der ja eine Spitzenposition immer nur für sich allein anstrebt.

Eine die Natur billig verhöhnende Redensart besagt, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushacke. Die Kreatur muss für menschliche Niedertracht ein Sinnbild abgeben. Nur diese Niedertracht und Hitchcock machen die Saat-und Nebelkrähe, die Dohle und die Elster zu bösen Vögeln und spielen sie gegen die Singvögel aus. Aber die Rabenvögel stellen sich über diese Niederungen, blicken auf Berlin herab und gehen abends beruhigt zu Bett in den Tiergarten, weil sie ein gutes Gewissen haben.

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