Berlin : Von Tag zu Tag: Kulturschock

Lothar Heinke

Man nehme: etwas Geld, ein Flugticket, ein paar T-Shirts, leichtes Schuhwerk - und schon beginnt die Zeitreise mit der Rolle vorwärts in die übernächste Jahreszeit. Hinein in den Sommer. Erst fünf Stunden in der fliegenden Ölsardinendose - dieses höllische Abenteuer muss der Urlauber, der den Winter überlistet, schon in Kauf nehmen -, aber dann, am Ziel, will das Herumwundern kein Ende nehmen: Diese Weite! Diese Berge! Diese Steine! Diese Wärme! Dieses blaue Meer und der klare Himmel und der gelbe Sandstrand und die bunten Blüten. Das alles färbt auf die Leute ab, so freundlich sind sie hier, mit dem verträumten Urlaubslächeln im Gesicht.

Zum Trost für alle Daheimgebliebenen sei gesagt: Ja, wir fühlen mit euch, Tag und Nacht. Wenn Herr Meier aus Reinickendorf vormittags am wüsten Sandstrand im südlichen Fuerteventura die Sonnencreme mit dem Lichtschutzfaktor 12 aus der Tasche holt und seine braune Brust massiert, denkt er natürlich pausenlos an seine werktätigen Kollegen, die sich bei minus zwei Grad, wie es in der Zeitung steht, im Schneetreiben zur Arbeit gequält haben. Und abends, wenn er in den lauen Himmel auf zu den blinkenden Sternlein blickt, fällt ihm sofort die Schlagzeile vorm Vormittag ein und er hofft, dass die "Mir" nicht gerade bei Tante Trudchen in den Mahlsdorfer Vorgarten stürzt.

Aber bald geht es wieder retour. Kanaren ade, Berlin olé, Rolle rückwärts. Pullover raus, Augen auf: Der Flugkapitän löscht das Licht und zieht eine lange, weite Schleife rund um die City, ganz niedrig: Dieses Blinken, Glitzern, Leuchten! Schimmernd lockend breitet die Stadt ihre Arme aus: Schön, dass ihr wieder da seid.

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