Berlin : Von Tag zu Tag: Lachs statt lux

Lothar Heinke

"In unserem Lande ist es sehr frostig und feucht, unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter, sogar die Sonne muß bei uns eine Jacke von Flanell tragen...", schreibt Heinrich Heine sehr weit vorausblickend und sehr wahr in seinen Reisebildern; unsereins versucht sich derweil mit Vergnügungen zu trösten. Zum Beispiel mit dem erhabenen Naturschauspiel des Sonnenaufgangs über Berlin: Gestern bot der Fernsehturm 220 zahlenden Gästen die Chance, um vier Uhr 44 den ersten Strahlen der gerade gewendeten Sommersonne zuzuprosten. Es war wie Silvester. Alle guckten auf die Uhr und waren sehr gespannt. Aber das Hallo blieb aus, denn der Event o sole mio! fiel den Morgennebelwolkenschwaden zum Opfer. Da hinten, irgendwo, bei Eichwalde mußte sie sein, unser Klärchen, oder noch weiter weg, vielleicht zwischen Mallorca, Ibiza und Menorca. Ja, da bestimmt.

Was tut der Mensch im Fall der Fälle, dass sich seine hoffenden Wünsche nicht erfüllen, obwohl er sich um drei Uhr früh aus dem warmen Bett gequält hat? Er mosert nicht rum, sondern findet sich ab, wenn er klug ist. Er nimmt die Dinge, wie sie sind. Er sieht die Realitäten: Die Stadt schläft, und kein noch so zarter Hauch von Licht möchte sie wecken. Also, es ist Sonnabend, lass sie doch einfach schlafen! Irgendwie wird es schon weiter gehen, denn es ist noch immer hell geworden. Aber man kann nicht alles haben: tolles Buffett, weiten Ausblick und einen Sonnenaufgang wie gemalt. Das ist so wie mit der Stadt: Wir wollen von einem Bürgermeister regiert werden, der aussieht wie Richard Gere, klug ist wie Albert Einstein, musisch wie Barenboim, so reich wie Bill Gates, so gerecht wie Jutta Limbach und so edel wie der Papst. Statt dessen sind wir so arm dran, dass nicht mal unsere Brunnen laufen. Wir, gestern, trösteten uns ganz schnell am Buffett zwischen den Wolken. Ex oriente lux? Sorry. Ex oriente Lachs!

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