Berlin : Von Tag zu Tag: Leidbild

Ulrich Zawatka-Gerlach

Schau an, die SPD wird systemkritisch. Sie kritisiert das eigene System, Politik zu machen. Ein System, das sich dadurch auszeichnet, mit dem größtmöglichen Aufwand an Kraft und Ärger das geringst mögliche Wahlergebnis zu erzielen. Seit Jahren weiß in Berlin niemand mehr, wes Geistes Kind die Sozis eigentlich sind. Will man sie fassen, glitschen sie weg wie Seife im Spülstein. Mal sind sie modern, dann wieder traditionell. Mal sparen sie hart, dann geben sie alles den Armen. Einige ekeln sich vor der PDS, andere wollen mit ihr regieren.

Also: Wer sind die hauptstädtischen Sozialdemokraten, deren Ruf in der Bundespartei angeblich noch schlechter ist, als sie es tatsächlich verdienen? Nun ja. Die einen sind vorwiegend demokratisch, andere sozial und demokratisch, wieder andere sozialistisch-demokratisch. Ein unfassbarer Haufen, der jetzt dem Kiez entfliehen und die Hügel der Hauptstadt erklimmen will. Um den rechten Weg zu finden, wurde ein Leitbildpapier geschrieben. Selbstkritisch und gespickt mit schönsten Bekenntnissen.

Leider erkennen wir die SPD trotz leitbildnerischer Vorgabe immer noch nicht. Was zeichnet sie aus, was andere nicht haben? Stehen Leute an der Spitze, um die andere Parteien die SPD beneiden? Prägen Sozialdemokraten das politische Bild der Stadt? Wir lesen den Leitbildentwurf und bleiben mit unseren Fragen allein - sowohl im Kiez wie in der metropolischen Mitte. Denn die Berliner SPD ist, wie sie ist. Und das seit vielen, für sie selbst frustrierenden Jahren. Die Partei müsste sich ändern. Sie müsste selbst zum Leitbild werden. In der Wirklichkeit, nicht auf neun Seiten Papier.

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