Berlin : Von Tag zu Tag: Leider voll

Andreas Conrad

Wo genau der Weihnachtsmann wohnt, hat sich leider noch nicht mit letzter Sicherheit klären lassen. Mehrere Orte erheben auf diese Ehre Anspruch, und die Post hat die dortigen Postämter selbstverständlich mit entsprechenden Sonderstempeln ausstatten lassen. Doch wo immer es auch sei, man darf davon ausgehen, dass der Weihnachtsmann über einen eigenen Hausbriefkasten verfügt. Möglicherweise teilt er sich den mit dem Christkind, stellt ihn gerne auch Rudolph, dem rotnasigen Rentier, zur Verfügung.

Aber nun stellen Sie sich bitte einmal vor, der Weihnachtsmann klebte den Schlitz seines Briefkastens, ausgerechnet kurz vor dem Fest, einfach zu, mit dem lapidaren Hinweis: "Leider voll". Welches Leid würde er damit auslösen! Und man bedenke erst die postalische Verwirrung: All die Wunschzettel, die nun postwendend retour gehen, durch den himmlischen Postboten, den seligen Herrn Sparbier womöglich, leider nicht mehr rechtzeitig zustellbar. Die ungehemmten Tränenströme, die unstillbar aus großen Kinderkulleraugen strömen, weil ausgerechnet am 24. Dezember der rechtzeitig losgeschickte Wunschbrief wieder im eigenen Kasten steckt.

Auch der himmlische Frieden würde nachhaltig gestört und dies am Heiligen Abend. Das Christkind wäre schwer beleidigt, Rudolph würde nicht mehr fressen, und der liebe Gott bestellte den Weihnachtsmann höchstpersönlich zum Rapport, um ihm anschließend die Ohren so lang zu ziehen, dass er glatt als Osterhase durchginge.

Nein, das wollen wir uns lieber alles nicht vorstellen. Die Weihnachtsgans wird uns auch so schwer genug im Magen liegen. Schließlich sind wir nicht im Himmel, sondern in Berlin, und der fragliche Briefkasten gehört daher nur der Deutschen Post AG. Der Weihnachtsmann wird seinen vollen Kasten garantiert leeren. Die Post dagegen beruft sich auf Dienstwege und klebt lieber einen Zettel dran: "Leider voll".

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