Berlin : Von Tag zu Tag: Mal still

Lothar Heinke

An zwei Tagen im Jahr, so hofft man, lässt die Spaßgesellschaft ihr Getöse und Getue und geht für ein paar Minuten in sich - nächste Woche am Totensonntag und heute am Volkstrauertag. Dieses Gedenken der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft ist so alt wie das Ende des Ersten Weltkriegs. 1919 wurde der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gegründet, drei Jahre später fand die erste offizielle Feierstunde im Deutschen Reichstag statt. Dessen Präsident Paul Löbe hielt eine - heute würden wir sagen: sensationelle - Rede, in der er einer feindseligen Umwelt den Gedanken an Versöhnung und Verständigung gegenüberstellte: "Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet Abkehr vom Haß, bedeutet Einkehr zu Liebe, und unsere Welt hat die Liebe not". Schöne Worte ohne Hoffnung: Nach 1933 wurde das stille Erinnern im grauen November zum "Heldengedenktag" für Führer, Volk und Vaterland - 55 Millionen Tote waren am Ende zu beklagen. Man wird ihrer heute mit würdigen Worten auf der Zentralen Gedenkfeier im Reichstag gedenken und stumm vor der Kollwitz-Plastik in der Neuen Wache verharren, wie schon gestern frische Kränze auf dem größten sowjetischen Soldatenfriedhof in Pankow-Schönholz niedergelegt wurden. Mancher wird nach Halbe fahren, zu den 22 000 deutschen Soldatengräbern. Und auch daran denken, dass der Sinn des Tages plötzlich aktuell geworden ist: New York. Afghanistan. Frieden?

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