Berlin : Von Tag zu Tag: Mauerschrippe

Ekkehard Schwerk

Die Schrippe, welche verdient, Schrippe genannt zu werden, sei klein, goldgelb und knackig im längsgekerbten Äußeren, sei dicht, ja fest in ihrem Innern. Dann besitzt sie Charakter, und der Bäcker hat mit ihr Ehre eingelegt. Das Gebäck aber, das heutzutage als Schrippe verkauft wird, ist fahl, viel zu groß, innen zu locker - alles in allem lasch. Da ist keine Meisterhand im Spiel. Nicht einmal die Kerbung ist korrekt, entweder zu tief oder zu flach. Einzig die Preiskerbung hält an der Stadtteilung fest. Wie die Innung meldete, werden die Schrippen teurer, und zwar im ehemaligen Ost-Berlin um fünf, im ehemaligen West-Berlin um zwei Prozent.

Es gibt keinen einleuchtenden Grund für derlei Spaltung. Die Zutaten sind die gleichen, die Bedrängnis des Bäckerhandwerks durch die Backindustrie, die sich überall mit ihren fahlen, großen und luftigen Dingern breit und das Bäckerhandwerk platt macht, ist ein allgemeiner Kulturverfall. Der Neuköllner Geselle bei einem Meister in Treptow bekommt weniger Lohn - als der Friedrichshainer bei einem Kreuzberger Meister. Der Hinweis auf unterschiedliche Mietpreise ist wenig überzeugend; denn auch im ehedem politische Osten zogen sie kräftig an.

Als im alten West-Berlin die Schrippe immer blasser, lascher geworden war, wurde die "Ostschrippe" von Westlern gerühmt, die noch ganz dem guten Bild der Groß-Berliner Schrippe glich: klein, knackig, goldgelb, dicht. Das hatte, wie die Innung erklärt, mit einer im politischen Osten "notgedrungen" anderen Herstellung zu tun: mit anderer Mehlbeschaffenheit, mehr Fett, um die Gärung zu forcieren, und dann wurden die Schrippen dichter aneinander gekettet in den Ofen geschoben. Da zeigt sich an der Schrippe, dass ihre Herstellung eine aus der "Not" geborene Tugend ist. Zurück zu ihr! Koste sie, was sie kosten muss! Der Handwerker hat freie Hand. Jede Gesellschaft verdient die Schrippe, die sie in Kauf nimmt.

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