Berlin : Von Tag zu Tag: Muttersprache

Ekkehard Schwerk

Eine bedenkenswerte Sache darf nicht von vornherein mies gemacht werden, nur weil einem die politische Denkungsart dessen, der sie öffentlich vertritt, womöglich nicht passt. Wenn also der Innensenator Werthebach (CDU) abermals für ein Gesetz zum Schutz unserer Muttersprache eintritt, dann kann zwar darüber gestritten werden, ob Gesetzeskraft ausreicht, solchen Schutz zu gewährleisten. Aber wer sich über die Schutzwürdigkeit der Muttersprache vor ärmlichem Einfluss lustig macht, ist bereit, eine Kostbarkeit, die auch in schöner Bildhaftigkeit besteht, fahrlässig zu verschleudern. Immer sind heutzutage die eilfertig übernommenen Anglizismen gemeint oder amerikanisch zurechtgekaute Wörter.

Nun wird im Kampf g e g e n die Muttersprache die Allzweckwaffe der Computerbegriffe ins Feld geführt. Das soll Internationalität vorgaukeln. Das nächste Scheinargument ist die "Wandelbarkeit" der Sprache. Scheinargument insofern, als jedes Gestottere, jeder Jugendjargon sogleich als Lebenszeichen der Sprache ausgegeben wird. Jede Jugend hatte ihren Jargon. Er ist gottlob wandelbar, rasch veraltet. Wer sagt heut noch "schnaffte" oder "knorke" - heute ist alles "geil", was vielleicht morgen schon wieder das bedeutet, was es triftig immer war: allzeit bereite Lust auf Sex.

Sogar das berlinisch verballhornte Französisch blieb nur lustiger Jargon. Er diente zu seiner Zeit guten Zeitungen allenfalls als sparsam benutztes Würzmittel. Das anglo-amerikanische Kauderwelsch von heute wird hingegen auch in guten Blättern auf lächerliche Weise allen Ernstes benutzt. Dort müsste der Schutz der Muttersprache beginnen, nicht mit einem Gesetz.

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