Von Tag zu Tag : Nachtschicht

Bernd Matthies über den handgemachten Marathon-Charme

Ach, schon wieder Marathon? Die Berliner Enthusiasten dieser Sportart haben in zäher Arbeit über Jahrzehnte ein Ereignis etabliert, das längst zur Stadt gehört wie Zoo und Currywurst. Es beweist, dass die dauerhaftesten und erfolgreichsten Ereignisse selten von Stadtmarketing-Spezialisten ausgedacht werden, sondern einfach irgendwo durch den Asphalt brechen und dann zu schöner Blüte gedeihen.

Das Schöne ist: Die Enthusiasten sind immer noch da, sie werden nicht von kühlen Profis verdrängt. Einer von ihnen hat in der Nacht zum Dienstag die seltsame Maschine gelenkt, die die blauen Streifen auf eben jenen Asphalt malt. Sie helfen den Läufern, den Weg zu finden, damit sie nicht nach 70 Kilometern in Oranienburg landen statt nach 42 im Ziel.

Die Malermaschine ist handgestrickt, eine kühne Bastlerarbeit offensichtlich. Vermutlich könnte man sie durch eine High-Tech-Leuchtdiodenkette ersetzen, die fest in die Stadt eingebaut und einmal jährlich eingeschaltet wird, weltstädtisch eben. Aber wenn das passierte, wäre es auch ein Zeichen dafür, dass die Enthusiasten abtreten. Und dann wäre der Marathon nicht mehr derselbe. (Seite 15)

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