Berlin : Von Tag zu Tag: Neue Welt

Ulrich Zawatka-Gerlach

Wie lange dauert ein Weltkrieg, Mama?, hat Max gefragt. Seit Tagen sammelt er Fotos und Texte aus der Zeitung, die mit New York und Terrorismus und Vergeltungsschlägen zu tun haben. Max ist acht Jahre alt. Seine Schwester Julia ist fünf Jahre und kennt noch nicht alle Buchstaben, hat aber Fernsehen geschaut. In der letzten Woche mehr als sonst. Auch in der Schule wird viel "darüber" geredet und zu Hause sitzen die Eltern bei einer Tasse Tee und unterhalten sich ernst. Im Supermarkt sprechen fremde Leute miteinander über den Krieg.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Also hat Julia eine Bilderserie gemalt, hingeworfen mit sparsamem Strich: Ein Hochhaus, ein Flugzeug, eine Rauchspirale... Woanders, nicht in Julias Schule, läuft ein Mädchen weinend zur Lehrerin: Der Peter hat gesagt, es gibt Krieg. Das bestätigt Peter der Lehrerin. Ja, es gibt Krieg und heute noch fallen die Bomben. Und dann? Dann kommt die Feuerwehr und löscht. Und die Menschen? Die sind dann alle tot, sagt Peter. Verteidigungsminister Scharping dementiert am Sonntag im Kinderkanal. Nein, es wird keinen Krieg geben. Die Schlagzeile des Tagesspiegel am gleichen Tag: Wir befinden uns im Krieg. Auch das schneidet Max aus. Was soll er nun glauben? Was sollen die anderen Kinder glauben? Wem sollen sie glauben? Den Eltern, die am liebsten sagen würden: Wir leben eigentlich im Frieden und es wird alles wieder gut? Sollen die Kinder den Lehrern, Erziehern oder den Freunden glauben, den Zeitungen und Nachrichtensprechern oder gar den Politikern? Seit einer Woche leben unsere Töchter und Söhne in einer anderen Welt. Wir Erwachsenen müssen sie ihnen erklären, obwohl wir sie selbst noch nicht richtig verstehen.

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