Berlin : Von Tag zu Tag: Nicht nur für Arme

Gerd Appenzeller

"Und dann", sagte die Dame in der Hermsdorfer Fleischerei zum Schluss, "und dann möchte ich bitte noch eine mittlere Portion Armeleutesalat." Sie sagte es ganz selbstverständlich, nicht besonders leise und mit klarer Stimme, so, als habe sie gerade 100 Gramm Salami bestellt, und genauso selbstverständlich bekam sie ihren Salat auch. Dann zahlte sie ihre Rechnung, 74 Mark waren es insgesamt für Wurst und allerlei gute Dinge, und verließ mit einem freundlichen Abschiedsgruß den Laden.

Armeleutesalat? Ein merkwürdiger Begriff. Was versteckt sich dahinter? Und wer kauft so etwas, das sich anhört, als wäre es eher etwas für verschämte Kunden? Das sei ein ganz altes Rezept, der Armeleutesalat, sagt die Meisterin. Und er heiße so, weil da lediglich preiswerte Zutaten drin seien, die sich auch arme Leute früher hätten leisten können: Kartoffeln, Mohrrüben, Porree, ein wenig Essig und Öl, eine Prise Salz, eine Fingerspitze Dill. Und das wird heute noch gekauft, und dazu in einer Fleischerei, wo die Rechnung dann am Ende auch mal 74 oder mehr Mark ausmachen kann? Doch, doch, sagt sie, lächelt ein wenig und schaut dabei ganz ernst. Es gibt doch wieder arme Leute, meint sie, es werden doch eher mehr. Und es sei nichts Anstößiges, einen solchen Salat anzubieten oder zu kaufen. Und sich daran zu erinnern, dass es nicht selbstverständlich sei, wenn es einem gut gehe, fügte sie dann noch hinzu.

Der Armeleutesalat hat übrigens wirklich gut geschmeckt. Sie sollten ihn auch einmal probieren. Das Schöne an dem Salat ist, dass er nicht nur satt macht. Er regt auch zum Nachdenken an. Von welchem Salat kann man das schon sagen?

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