Berlin : Von Tag zu Tag: Noch ein Tag

Gerd Nowakowski

Noch ein Tag im Amt. Auch Eberhard Diepgen rechnet nicht mehr damit, dass am Sonnabend der Misstrauensantrag von SPD, PDS und Grünen durchfällt. Sechzehn Jahre - nach dem zweiten Weltkrieg hat niemand diese Stadt länger geführt. Vorbei. Das Rote Rathaus ohne Eberhard Diepgen - wir müssen uns erst daran gewöhnen. In sechzehn Jahren ist viel passiert. Wir erinnern daran.

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TED: Soll der Regierende Bürgermeister direkt gewählt werden? Als Regierender Bürgermeister der geteilten Stadt repräsentierte er den Vorposten westlicher Freiheit, war Gesprächspartner von US-Präsidenten und Gastgeber der Queen. Kein Staatsbesuch am Brandenburger Tor ohne Diepgen. Seitdem die Bundesregierung in Berlin sitzt, ist Diepgen protokollarisch "abgestiegen" in die zweite Liga. Dafür aber gibt es das alliierte Korsett nicht mehr. Zu Beginn seiner Amtszeit in den achtziger Jahren war das noch ganz anders. Da war der alliierte Verbindungsoffizier bei Senatssitzungen immer in Hörweite. Unauffällig, aber deutlich wurde dem "Mayor" im Rathaus Schöneberg zuweilen klargemacht, wo die Grenzen der Souveränität lagen. Als den Entführern eines polnischen Verkehrsflugzeugs nach West-Berlin der Prozess gemacht wurde, kam wegen der Hoheitsrechte extra der US-Bundesrichter Stern in die Stadt. Der verwunderte sich anschließend in einem Buch über die nahezu kolonialen Verhältnisse in Berlin. Bis zum Fall der Mauer blieb der Spielraum für Veränderungen gering, musste Eberhard Diepgen erfahren. Erfolg hatte er lediglich mit der Entrümpelung der alliierten Vorschriften: Das noch aus Kriegszeiten stammende - und mit Todesstrafe belegte - Verbot großer Brotmesser wurde abgeschafft.

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