Berlin : Von Tag zu Tag: Notstand

Gerd Appenzeller

Achtung! Hier wird heute kein Unternehmen kritisiert! Kein dummes Wort über herrenlose Hunde und trendiges Hüpfen, über tierliebe Geschäftsleute und PR-bewusste Krankenkassen. Nein, hier geht es heute um Werbung, massive Werbung. Und um die segensreiche Wirkung des vorübergehenden Mangels, weil man nur dadurch merkt, wie selbstverständlich es ist, immer alles und zu jeder Zeit kaufen zu können.

Wer im Norden Berlins wohnt, und zur Unzeit merkt, dass im Haushalt wieder die Hälfte fehlt, hat zwei Möglichkeiten, den Mangel zu beheben, vorausgesetzt, er muss nicht auf die Mark schauen: Entweder fährt er zum Flughafen Tegel, weil es dort bis in die Nacht hinein fast alles gibt - eigentlich nur für Flugreisende, aber der Quatsch mit dem Ladenschluss ist ja sowieso gegessen. Oder er fährt zu seiner Tante Emma am Strassenrand, der Tankstelle seines Vertrauens. Da gibts auch alles. Plus Benzin. Das gibts auf dem Flughafen nicht.

Am Dienstagabend aber war plötzlich alles anders. Kein Auto an der sonst rappelvollen Shell-Tankstelle! Nur die wie immer freundliche Pächterin, die überraschend fragt: "Wollen Sie tanken?" und auf das "Ja" etwas verlegen sagt: "Das geht im Moment nicht, das Benzin ist alle. Die Preise waren am Wochenende so niedrig, wir haben alles verkauft ..." Alles hätte ich bekommen können: Wein, Essen, Landkarten, Grillkohle. Aber kein Benzin. Ganz vorübergehend nur. Eine halbe Stunde. Das letzte Mal war mir das 1973 während der ersten Ölkrise passiert. In der Schweiz.

Wir haben verstanden - und lernen. Erstens: Ein gutes Angebot lockt die Kunden. Zweitens: Fahre nie deinen Tank leer.

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