Berlin : Von Tag zu Tag: NS-DNA

Stephan Wiehler

Schnucklig schaut er aus, der kleine Pummel mit der Pottfrisur. Als die stolzen Eltern ihn anno 1890 fürs Familienalbum porträtieren lassen, ist der Schicklgruber Adolf gerade mal ein Jährchen alt, und der Fotograf aus Braunau am Inn kann nicht ahnen, dass der Wonneproppen vor seiner Linse einmal ein ganz großes Fotomodell werden wird - und ein Massenmörder, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Das Bild von Baby Adolf lässt vermuten, dass nicht allein die Gene schuld daran waren, dass aus dem kleinen Schickelgrübchen der Weltbrandstifter Adolf Hitler wurde. Doch, wer weiß? Wenn es nach dem Sektenführer Claude Vorhilon geht, sollen wir demnächst genau erfahren, ob es im menschlichen Erbgut so etwas wie das Nazi-Gen gibt. Der kanadische Guru, dessen Sekte ein geheimes Bio-Tech-Labor betreibt, hat angekündigt, Adolf Hitler zu klonen. Und - Brecht hat Recht - "der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch": 50 Leihmütter haben sich bereits angeboten, den Wiedergänger des "Führers" leibhaftig auszutragen.

Sollte sich zeigen, dass Hitler tatsächlich nur Sklave seiner Erbanlagen war, ist zu erwarten, dass der Klon wie der Nazidiktator unweigerlich nach Berlin kommen wird, und es steht zu befürchten, dass ihm in der einstigen Reichshauptstadt so einiges unangenehm aufstoßen wird. Nicht dass er ernsthaft erwarten dürfte, dass wir den Endsieg nach dem Selbstmord seines DNA-Zwillings doch noch errungen hätten und "Germania" zur Welthauptstadt geworden ist. Aber ob er sich in der Wilhelmstraße, wo einst die neue Reichskanzlei stand, heute wohl fühlen würde. Der "Führer" im Plattenbau? Und vor allem bleibt die bange Frage: Sind wir inzwischen Demokraten genug, um seiner Aura zu widerstehen? Wissenschaftler beruhigen uns: Die Gene sind nicht alles, sagen sie, zu 80 Prozent entscheide das soziale Umfeld, was einer wird. Aus dem geklonten Hitler könnte also ein ganz umgänglicher Mitbürger werden. Wir müssen ihn ja nicht gleich zum Regierenden Bürgermeister wählen.

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