Berlin : Von Tag zu Tag: Ohne Gurt

Andreas Conrad

Kennen Sie diesen Refrain noch? "Die Frau, die nichts anhat als den Gurt auf dem Schild an der Straße, wo ich so oft langkam"? So oder ähnlich muss ein geplagter Autofahrer seine täglichen Nöte beim Passieren der beschriebenen Werbebotschaft besungen haben, und wenn die Erinnerung nicht trügt, hieß der Mann Gunther Gabriel. Das war in den Siebzigern, Reflex der seinerzeit eingeführten Gurtpflicht, in einer trotz allem noch sittenstrengen Zeit: Ohne Gurt, wie vom guten Gunther fantasiert, war die Nackte damals noch nicht denkbar.

Da sind wir längst weiter, gerade in Berlin. Im Abstand von einigen Monaten rücken uns hier geschäftstüchtige Plakatekleber mit überwiegend blankem Po und/oder ebensolchen Busen zu Leibe. Dann weiß nicht nur der Autofahrer: Die neue Sexmesse steht bevor.

Neuerdings freilich muss man da vorsichtig sein, die Lage ist nicht mehr eindeutig. Wieder reckt es sich dieser Tage harmlosen Verkehrsteilnehmern wie Passanten von Laternenmasten üppigst entgegen, das pralle Leben im doppelten Sinne. "Heiße Kurven", wird erläutert, die Plakatmacher haben sich erfolgreich auch in der Gattung der Prol-Poesie versucht, locken so - na, zu was wohl? Zum Besuch im nächstgelegenen Sexshop? Von wegen! Zum Eintritt in den Club der Freunde pornophiler Kunstwerke? I wo! Zur Teilnahme an entspannenden Massageübungen? Kalt, eiskalt! Die ihre Blöße nur unzureichend verhüllende Loreley des Straßenverkehrs ist vielmehr das zentrale, derzeit im Stadtbild nicht zu übersehende Argument zum Besuch der nächsten Veranstaltung auf dem EuroSpeedway Lausitz. Eine ernüchternde Erkenntnis: Nur ein Boxenluder im Einsatz, und vom Gurt keine Spur.

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