Berlin : Von Tag zu Tag: Papi kommt zu kurz

Stephan Wiehler

Väter haben es schwer. Denn eigentlich sind Männer lieber unter sich. Die Natur hat dies frühzeitig erkannt und ist, um aus freien Männern Sorgen beladene Erzieher zu machen, auf einen billigen Trick verfallen: Sie lässt Säuglinge in den ersten Wochen nach der Geburt eher den Vätern ähneln und zwingt diese - unter Ausnutzung des Prinzips männlicher Selbstverliebtheit - zur Anerkennung ihrer Verantwortung für den Nachwuchs. Auf diese Weise sind unzählige Generationen saft- und kraftstrotzender Junggesellen unter der Last der Vaterschaft gebeugt worden - überlebt hat sie keiner, trotz Zuflucht in Vereinsmeierei, Herrenbünde, Kameradschaftzirkel und Geheimlogen.

Nur einmal im Jahr, an Christi Himmelfahrt, gewinnt die archaische Sehnsucht nach Freiheit im Familienmann die Überhand: Am Vatertag gehört Papi seinesgleichen, dann zieht er los mit seinen Leidensgenossen und gießt sich hemmungslos einen auf die Glocke, um die psychischen Folgen seiner zwangsweisen Vergemeinschaftung mit Frau und Kind zu betäuben. Doch viele Männer geben sich damit nicht mehr zufrieden. Sie begehren auf gegen die Knechtschaft des Patriarchats, wie jener tapfere Ingenieur aus dem Hessischen, der das Land Berlin jetzt wegen einer verpfuschten Penis-Verlängerung auf Schadensersatz verklagt hat. Ein herber Rückschlag für die in Sachen Befreiung des Mannes fortschrittlichste Stadt Deutschlands. Denn nirgendwo sonst erziehen so viele Mütter ihre Kinder alleine.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben