Von Tag zu Tag : Park & light

Thomas Lackmann über einen Sommer im Herbst, der nicht ewig hält.

von
Tsp

Dass die grässlichen Berliner Monate spätestens jetzt nicht mehr aufzuhalten sind, weiß jeder, der hier einmal den sogenannten Winter überlebt hat. Da können Lyriker des goldenen Oktobers dichten, was sie wollen. Die wahre Bedeutung der zweiten Oktoberhälfte ahnen alle, die irgendwann mal dreißig waren, dann unverdrossen vierzig, schließlich sogar muntere 54 wurden (wie im November der Limburger Bischof!), aber ein paar entscheidende Jährchen später doch einsehen mussten: dass an den Halbwertzeiten nichts mehr rumzudeuteln ist. Während der zweiten Oktoberhälfte kippt das Altweiberglück der bunten Parks von Spree-Athen unbarmherzig um in den Albtraum einer schlammbespritzten Darkroom-Kommune.

Da helfen auch keine sonnendurchfluteten herbstlichen Parks. Da hilft auch die baldige Lichtkosmetik der Zeitumstellung nicht, zwei Tage Gehhilfe fürs Aufstehen, danach ist auch dieser 60-Minuten-Bonus verraucht. Der sonst coole Großstädter verwandelt sich in ein fröstelndes Dauermufflon, Busse und Bahnen laden ein zum Bazillentausch, ungezählte nervtötende Vereins- und Kultur- und Schultermine verstopfen den Kalender.

Es gibt Dichter verschiedenster Preisklassen, die das Drama ohne goldenen Oktober-Schmus beim Namen nennen, von Rainer Maria Rilke („Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“) bis zu Insterburg („Da sprach zum Blatt der Herbst: Nun schterbst.“). Leicht ist es eben nicht, der saisonalen Depri-Symbolik zu entkommen, in der zweiten Oktoberhälfte signalisieren – genau besehen – schon die ersten beiden Buchstaben des Schicksalsmonats resignatives Einverständnis. Wir mutieren zu Zwiebelmenschen, ziehen uns warm an, was das immer dauert, okay, auch das ist Lebenszeit, da müssen wir durch! Bitte jetzt keine Kanaren-Temperaturen, die Jahreszeit ist schlimm genug.

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