Berlin : Von Tag zu Tag: Phantomschmerz

Christian van Lessen

Es tut ein wenig weh, auf der Anzeigetafel im Bus den Namen der nächsten Haltestelle zu lesen. Ortsfremde Fahrgäste fühlen ihn zwar nicht, diesen leichten Schmerz, aber sie schauen verwirrt. Weil sie mit diesem Stationsnamen überhaupt nichts anfangen können. Na ja, werden sie sich denken, das ist Berlin. Hier ist eben alles möglich, auch ein merkwürdig kalter Name.

"Clayallee 229" heißt die Haltestelle, und es steigen längst nicht mehr so viele Leute aus und ein wie noch vor einigen Monaten. Oft standen an der Haltestelle Menschen, die hatten einen Arm oder ein Bein in Gips und winkten dem Bus hinterher. Jetzt fährt er oftmals einfach vorbei, weil keiner wartet oder gar zum Abschied winkt.

Ein Ärztehaus ist neu angesiedelt, aber das Areal hat seine große Zeit hinter sich. Da gab es das orthopädische Fachkrankenhaus Oskar-Helene-Heim und die Haltestelle vorm Krankenhaus hieß auch stolz - wie sonst? - Oskar-Helene-Heim.

Das Krankenhaus an der Clayallee siedelte in Richtung Behring-Zentralklinik um, zurück blieben viele verwaiste Räume - und die Haltestelle. Die BVG gab ihr mit der alten Klinikadresse einen neuen Namen. Damit sollte es auch keine Verwechslung mit der Bushaltestelle "U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim" geben, denn der Bahnhof heißt immer noch so. Vielleicht kommt jemand auf die schreckliche Idee, auch ihn irgendwann "Clayallee sowieso" zu nennen. Der Phantomschmerz wäre noch größer.

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