Berlin : Von Tag zu Tag: Postwitz

Stephan Wiehler

Seit die Post privatisiert ist, haben es ihre Kunden viel schöner. Viele Postämter wurden für viel Geld aus der Portokasse aufgemotzt. Vor den Schaltern warten wir zwar immer noch so lange wie vorher, und auch das dezimierte Personal ist nicht freundlicher geworden. Freundlicher als früher in den abgeranzten Schalterhallen sind dafür heute die Farben in den neuen Niederlassungen. Und zwischen den feschen Absperrbändern der Warteschleifen ist es eine reine Lust, seine Zeit zu vergeuden. Was kümmert uns die lahme Abfertigung, wenn uns die Leute von der Post jetzt so flott bekleidet bedienen? Eins von diesen schicken, funkelnagelneuen Postämtern hat ganz frisch an der Schloßstraße in Steglitz geöffnet, eines der "schönsten, neuesten und modernsten in Berlin", wie Postsprecherin Sylvia Blesing findet. Es hat Glastüren, die sich automatisch öffnen, die feschen Absperrbänder, die frohen Farben und die flott gekleideten Angestellten hinter den Schaltern ... Wir geben zu, das Ding macht schon was her. Es gibt nur einen Schönheitsfehler. Im neuen Postamt gibt es keinen Briefkasten. Und draußen vor den automatischen Glastüren auch nicht. Gut, Sie mögen sagen, das kann mal passieren, die Post hat das vielleicht nur vergessen, schließlich haben die schon genug um die Ohren: Sie erledigen Bankgeschäfte, verkaufen Schreibwaren, befördern Pakete, ziehen schicke Absperrbänder durch ihre Filialen, um Warteschlangen zu kanalisieren, und überhaupt: Wer faltet im Zeitalter der E-Mail noch Papier oder leckt unhygienisch an Umschlägen und Briefmarken herum? Auf Nachfrage versicherte die Post allerdings: Die Briefkästen sollen noch kommen. Das wäre doch nicht nötig gewesen!

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