Berlin : Von Tag zu Tag: Purer Eigennutz

Ekkehard Schwerk

Die Sache kommt einem Lebenswerk sehr nahe. Mindestens taugt sie als Grundlage für berufslebenslanges Arbeiten. Die Sache ging einem Koch verloren. In ihr ist der Erdkreis aufs Genussvollste handlich beisammen. Hoffentlich ist das alles noch nicht in falsche Hände geraten. Gut und gern anderthalb Jahrzehnte hat Matthias Pernack, Koch von Profession und Leidenschaft, darauf verwendet, Rezepte aus aller Welt zu sammeln, sie sich, wo er gerade ging oder stand, stichwortartig zu notieren oder abzuschreiben und alles sorgsam in einen Ordner zu klemmen. Dieser ist aus Plastik und grün. Matthias verlor ihn am 1. März am Vormittag in der U-Bahn der Linie 2 zwischen Pankow und Zoologischem Garten.

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Nun wollen wir hier nicht etwa durch die Hintertür eine Rubrik einführen, in der solche oder ähnliche Verluste veröffentlicht werden; da kämen wir in Teufels Küche. Aber Matthias Pernack ist kein Teufel, sondern er waltet in der Küche unserer Redaktionskantine. Hier liegt also ein mitleidiger Eigennutz vor: Mitleid mit Matthias, Eigennutz - na, Sie haben schon verstanden. Er beköstigt uns nämlich mit einem Einfallsreichtum, der einem passionierten Koch in diesen Zeiten gebotenen Verzichts auf verschiedenes Fleisch abverlangt wird. Nicht, dass ihm nichts mehr einfiele, aber es ist mit dem Kochen wie mit dem Schreiben, ja jeglichem Schöpfertum: Wo Sorgen herrschen, will nichts Glückliches gelingen.

Also ergeht von dieser Warte aus ein Ruf in die weite Weltstadt: Wer sah am 1. März einen grünen Plastikordner in der U-Bahn der Linie 2? Wer nahm ihn an sich? Sachdienliche Hinweise nimmt Ihre Zeitung dankbar entgegen. Und belohnt mit einer von Matthias zubereiteten Mahlzeit.

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