Von Tag zu Tag : Radikal anormal

Werner van Bebber freut sich, dass es in Kreuzberg nicht nur Touristen gibt.

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Drei Indikatoren weisen darauf hin, dass Berlin zu einer normalen großen Stadt wird: Die abnehmende Zahl der Jogginghosenträger auf der Friedrichstraße, die zunehmende Zahl von Autos à la Audi Q7 sowie der sich verschärfende Kampf um den städtischen Raum. Die Politik feiert die Entwicklung. Sie verheißt potente Steuerzahler und ein bisschen mehr bürgerliche, rundgesichtige Wohlhabenheit. Nur in Kreuzberg läuft es nicht so. Dort schafft sich Bürgermeister Franz Schulz gerade ein neues Problem an den Hals – die politisch doch sehr entschlossenen Flüchtlinge im Protest gegen das deutsche Asylrecht, die auf dem Oranienplatz campieren und sich eine alte Schule als „Rückzugsort“ erobert haben. Auf dem Oranienplatz, ohnehin nicht gerade etepetete, stehen große Zelte und erinnern daran, dass das Leben mancher Leute nomadisch und unsicher ist. Und wie in Kreuzberg üblich, werden die Zusatzbewohner nicht angeätzt, sondern politisch ernst genommen und solidarisch unterstützt. Das passt in keine Kostenrechnung und nicht zum turbodieselgetriebenen Hauptstadtstyle. Deshalb ist es wichtig, schräg, unkalkulierbar und schön. (Seite 12)

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