Berlin : Von Tag zu Tag: Rekordverdächtig

Andreas Conrad

Pfahlsitzen auf dem Potsdamer Platz? Nie! Wir Hauptstädter sind großzügig und gönnen derartig absonderliche Rekordversuche gerne der Provinz. Auch Baumstamm-Weitwurf eignet sich als Herausforderung eher für Holzfäller im Bajuwarischen denn für die Bewohner Berlins, dieses Nabels der Welt. Nicht, dass die Stadt an hier zu erzielenden Rekorden desinteressiert wäre, ja, sie giert geradezu danach, definiert sie sich doch vor allem über Größe. Am Freitag erst sollte im Ostbahnhof die größte Butterstulle der Welt geschmiert werden, 18 Quadratmeter Fläche, was die Frage offen ließ, in welchem Ofen man solch eine Brotscheibe wohl gebacken hat. Wir mussten das offen lassen, fanden leider keine Zeit, an dem Rekordversuch teilzunehmen und über sein Ergebnis zu berichten. Nie mit vollem Magen ins Wasser gehen - das weiß doch jedes Kind, und so ließen wir die Stulle Stulle sein, stand doch schon der nächste Guinness-Rekord ins Haus: Schwimmen im Europa-Sportpark an der Landsberger Allee, die längste Staffel der Welt, 24 Stunden lang im Minutenwechsel ins Wasser hopsende Berliner, mindestens 1700, die jeweils 50 Meter zurückzulegen haben. Ein der Volksgesundheit zuträgliches Unternehmen, an dem wir uns gestern gerne beteiligt hätten, die Badehose lag bereit. Allein, wir schafften es auch diesmal nicht. Mit uns war offensichtlich halb Berlin auf die gleiche Idee gekommen und stand nun neben uns, Wagentür an Wagentür, rollte wohl auch mal, aber langsam, die übliche Hauptstadt-Verstopfung an einem einkaufsfreien Samstagnachmittag. Eine Blitzumfrage von Wagenfenster zu Wagenfestern ergab freilich: Kaum einer hatte seine Badehose dabei. Doch erst als es unter den gesperrten Linden gar nicht mehr weiterging, dämmerte es: Von wegen Rekordschwimmen. Hier ging es gerade um den unsichtbarsten autofreien Sonnabend der Geschichte.

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