Von Tag zu Tag : Ritterspiele

Thomas Lackmann bewundert den Genderkrieg der Kuscheltiere.

von
Tsp

Berlin ist nicht Baden-Württemberg, wo es laut Imagewerbung besonders nett sein soll. Berlin ist tendenziell unnett, aber vielfältig, „heterogen“, könnte man sagen; doch so ein Wort würden manche Mitbürger schon als Provokation empfinden. In Baden-Württemberg findet angeblich um die schulische Transgender-Pädagogik ein Curricula-Kulturkampf statt; in der Hauptstadt gilt leben und leben lassen.

Zumal die Familie in einem bürgerlichen Kiez wohnt: Da trifft man man zu Wahlkampfzeiten am Werbestand einer Volkspartei Bezirkspolitiker, die mit dem neunjährigen Sohn übers eigene Verpartnern im Speziellen fachsimpeln, und übers Verpartnern von Männern oder Frauen im Allgemeinen. Das gehört zur politischen Bildung und ist deshalb gut so. An der konfessionellen Grundschule des Knaben bleibt das Thema im Hintergrund, die Behandlung von Geschlechterrollen findet dort eher beiläufig statt. Für den Deutschunterricht wird Schillers Gedicht „Der Handschuh“ auswendig gelernt: Verse, in denen Fräulein Kunigund ihr titelgebendes Bekleidungsstück zu den eingegitterten Raubkatzen hinabfallen lässt, worauf Ritter Delorges ihr das Accessoire als Liebesbeweis mit Showeffekt zurückholen muss.

Dass diese Ballade „vom Missbrauch einer Liebe“ handelt (wie Wikipedia der Netzgemeinde verrät), hat auch den Schülern gleich eingeleuchtet. Daheim kommt „Der Handschuh“ zur Unterstützung des Lerneffektes auf die Kuscheltier-Bühne, wobei Nilpferdbulle Helger ( = Delorges) und Nilpferddame Else (= Kunigund) das eigentliche Beziehungsdrama austragen. Im Schulunterricht betreibt die Klasse zeitweilig noch ein paralleles Mittelalter-Projekt. Aus Milch-, Saft- und Eierkartons haben die Kinder eine grandiose Ritterburg konstruiert, deren bemalte Vollendung, mit Zinnenpracht und Hängebrücke, unmittelbar bevorsteht. Playmobil-Ritter stellen das Personal, unversehens kriegt Fräulein Kunigund einen Conchita-Wurst-Bart verpasst. Der Grand Prix lässt sich offenbar problemlos zum Minnegesang-Wettstreit transformieren.

Da die konfessionelle Ausrichtung der Schule als unverkniffen gilt, ist aufgrund dieses avantgardistischen Eingriffs ein negativer Effekt für die Kunst-Note der vorwitzigen Viertklässler kaum zu erwarten. Beim Interpretieren der „Handschuh“-Ballade, die nun aufgesagt werden soll, zeigt sich allerdings Diskussionsbedarf. Schon Schiller, der stürmische Württemberger, hatte auf Wunsch Charlotte von Steins seine Originalfassung des Textes entschärft. In der salontauglichen (Neunjährige würden sagen: mädchenhaften) Zweitversion verbeugt sich der unversehrt aus dem Käfig zurückgekehrte Delorges lediglich tief vor der herzlosen Angebeteten, bevor er sie enttäuscht für immer verlässt. In der ursprünglichen Fassung wirft er ihr aber, platsch, den Handschuh ins Gesicht. Natürlich bevorzugen junge Interpreten diese Action-Lesart – was auch immer dadurch über frustrierte Kavaliere, zickige Mädels, Poeten, Madame von Stein und den Schwaben als solchen mitgeteilt wird. Das Nilpferdfräulein, ob nun mit Bartstoppeln oder ohne, sollte den Affront jedenfalls verkraften.

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