Berlin : Von Tag zu Tag: Schein-Welt

Christian van Lessen

Vergolden Sie Ihre letzte D-Mark, Geben Sie Ihr Geld aus, bevor es nichts mehr wert ist! Keine Angst vor Geldentwertung, bei uns bekommen Sie noch was für Ihre Mark! Wir nehmen gern ihr letztes Geld!

Was Wunder, dass bei diesen Sprüchen Berliner Geschäftsleute so manchen unbedarften Menschen die kalte Panik packt - nicht nur Bankräuber, die irgendwann ihre fette D-Mark im Wald vergraben haben und nun sehen müssen, wie sie die Beute, wenn sie überhaupt noch da ist, recht bald und ohne Aufsehen in Euro halbieren können.

Es soll auch Leute geben, die wollen ihr ganzes und seriös erworbenes Bankguthaben noch vor Jahresfrist ausgeben. Die Händler freuen sich vorm Fest. Da mögen die Bankangestellten mit Engelszungen den soliden Euro beschwören - es hilft nichts. Und wenn die Zeitung dann auch noch Fotos zeigt, auf denen die traurigen Schnipselberge geschredderter D-Mark-Scheine zu sehen sind, glaubt so mancher Mitmensch, ab 1. Januar könne er sein Erspartes vielleicht auch gleich in den Mülleimer schmeißen.

Dann gibt es Leute, die in dieser Zeit nicht mehr zur Bank oder zum Automaten gehen, weil sie glauben, die erhaltene D-Mark gar nicht mehr ausgeben zu können. Sie sind entschlossen, nur noch vom Rest zu leben, den sie im Portemonnaie, in Hosen- und Jackentaschen finden. So verarmen viele, freiwillig. Was die Händler so kurz vorm Fest wiederum nicht so freut.

Und auch so manches Weihnachtsgeschenk, so wertvoll es auch sein mag, dürfte bei den Beschenkten nur eine verhaltende Freude auslösen; weil man sich nicht lange an ihm freuen kann: Am schönen Geldschein, der leider so schnell vergänglich ist.

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