Berlin : Von Tag zu Tag: Schweizer Käse

Andreas Conrad

Grundsatzreden über Berlin lassen sich grob nach zwei zentralen Sätzen teilen: "Seht auf diese Stadt" und "Ich bin ein Berliner". Dies dürfte etwa gleich große Häufchen ergeben. Das erste verdanken wir Ernst Reuter, die Urheberschaft des zweitzitierten Satzes wird John F. Kennedy zugeschrieben. Offenbar zu Unrecht, wie wir jetzt klarstellen müssen. Die Recherchen zu Preußens Schweiz-Abenteuer (siehe Seite 11) lassen kaum einen anderen Schluss zu. Neuchâtel gehörte demnach einst zu Preußen. 1952 ließ sich in der Hauptstadt des Kantons Friedrich Dürrenmatt nieder, lebte dort bis zu seinem Tod. 1957 war er in Berlin, wurde im Rathaus Schöneberg für "Die Panne" mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet, musste auch eine Rede halten. Und was sagte er? Sie ahnen es: "Ich bin ein Berliner." Das sagte er natürlich nicht direkt, nicht mal wörtlich, aber der Versuch, sich rhetorisch einzugemeinden, war doch unverkennbar. Mit doppelter Verlegenheit ergreife er das Wort, mit einer natürlichen, da er als Redner gefordert sei, und mit einer gleichsam nationalen. Nun kommt es: "Ich bin Schweizer, wenn auch mein Fall insofern etwas gemildert ist, als ich aus Neuchâtel komme, einer Stadt, die bis vor etwas mehr als hundert Jahren zu Preußen gehörte." Ein Geniestreich der Redekunst: Als Eidgenosse bekennt er sich ausdrücklich zu Preußen, und das in dessen ehemaliger Hauptstadt Berlin. "Ich bin ein Berliner" - der später so berühmte Satz, noch nicht ausgesprochen, liegt bereits spürbar in der Berliner Luft. Kennedy also nur ein Plagiator? Man darf das nicht länger ausschließen.

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