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Werner van Bebber schaut auf das letzte Wahlplakat Berlins.

von
Valgolio
Valgolio

Die Gegend am Ostkreuz ist Testgelände für Plakate, in doppelter Hinsicht. Erstens konkurrieren in diesem heruntergewohnten Areal erstaunlich viele Plakate um die Aufmerksamkeit der Passanten, der Ostkreuzbenutzer und der Wartenden an einer Bushaltestelle, die so unwirtlich erscheint wie ein Halteplatz am Stadtrand von Ulan Bator.

Zweitens testen die Winde, die über die Baustelle des neuen S-Bahnhofes, über Autowerkstätten und flach bebaute Gewerbegelände brettern, das Sammelsurium von Plakaten auf seine Haltbarkeit.

Was die Botschaften anbelangt, sind derzeit Bildung und Moral aktuell. Großflächig geht es auf der Straße zum Ostkreuz, dem Markgrafendamm, um Weiterbildung und darum, dass man mit Essen nicht spekulieren soll. Eine Hausbaumesse wird immer noch beworben, obwohl sie vorbei ist – vermutlich hat sich für die Fläche in einer Zeit, in der Winterwinde den Leuten die Tränen in die Augen treiben, kein neuer Werbekunde gefunden.

Den klimatischen Unbilden dieses Ortes in dieser Zeit trotzt auch ein Fahndungsplakat. Gesucht wird „Horst“, ein Jack-Russell-Terrier, der offenbar in dieser wie geschreddert wirkende Stadtlandschaft verloren gegangen ist. Ein hartes Hunde-Schicksal – erst „Horst“ zu heißen und dann einfach zu verschwinden ...

Das alles aber ist nichts gegen das Konterfei von Damiano Valgolio. Das Wahlplakat des jungen linken Politikers hängt seit September 2011 auf geschätzten drei Metern Höhe an einem Laternenmast, dort für immer festgemacht mit Kabelbindern aus Kunststoff, die dieses Stück Wahlwerbung dort noch festhalten werden, wenn der Bahnhof Ostkreuz wegen der Betriebseinstellung der S-Bahn stillgelegt sein wird.

Zugeben, Valgolio ist 2011 nicht wirklich groß herausgekommen. Und der Slogan der Linken – „Privat ist Katastrophe“ – hat mit der Hängedauer nicht an Überzeugungskraft gewonnen, noch an semantischer Eleganz. Doch hängt Valgolios plakatiertes Bemühen um einen Sitz in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg zwischen all der vergänglichen Werbung für die Dauerhaftigkeit seines politischen Engagements.

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