Von Tag zu Tag : Stadt der Engel

Stefan Jacobs sieht kreuz und quer stehende Autos mit anderen Augen.

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Berlin ist voll von Liegenbleibern. Was die Sozialtherapeuten Thilo Sarrazin und Heinz Buschkowsky schon vor Jahren erkannt und dem sogenannten Prekariat unter die Triefnase gerieben haben, bestätigt nun auch der ADAC: 238 000 Einsätze haben die Berliner Pannenhelfer des Autofahrerklubs im vergangenen Jahr absolviert, die Brandenburger Kollegen halfen 115 000 Mal. Heute vor einem Jahr wurden sie bei extremer Kälte sogar 2700 Mal an einem Tag gerufen, während der mild vernieselte erste Weihnachtsfeiertag mit 748 Einsätzen der ruhigste Tag des Jahres war. Ein relativ frohes Fest also für die Gelben Ganzjahresengel.

Bei 1,2 Millionen Autos in Berlin ist also jeder Fünfte im vergangenen Jahr liegen geblieben. Real war es wahrscheinlich eher jeder Zwanzigste, aber der dann immer wieder, weil die Möhre alt ist und das Geld knapp. Berlin, die Hauptstadt der Schrottmobilien? Schwer zu sagen, denn die Hauptursachen – leere Batterien, defekte Zündanlagen und Reifenprobleme – können sowohl Altersschwäche sein als auch Schicksalsschläge, die die löchrigen Straßen den Autos zufügen. Als spezielles Winterproblem kommen laut ADAC „versulzte Kraftstofffilter“ von Diesel-Autos hinzu. Für Nordlichter: Sulz ist der alpenländische Gemahl der Sülze. Und für Hobbyköche: Sulz ist, wenn Öl zu Margarine gerinnt.

Grütze für den Autofahrer, so oder so. Der ist ja schon beim Fahren als tendenziell rücksichtslos verrufen, insbesondere unter Touristen aus ampellosen Einöden. Und wenn er nicht fährt, steht er gern auf Fahrradspur, Fußgängerfurt oder Straßenbegleitgrün, nicht wahr? Die ADAC-Bilanz lässt vermuten, dass mancher vermeintliche Rowdy eher ein Loser ist: Auto liegen geblieben, ein Rad im Schlick, das Heck auf dem Radweg, die Nase in der Busspur, den Volkszorn im Nacken. Alle ringsum sauer, Tag versulzt. Schön, wenn dann ein Engel kommt, der was von Technik versteht.

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