Berlin : Von Tag zu Tag: Streicheln im Tunnel

Bernd Matthies

Man mag es nur ungern laut sagen: Die legendäre berlinische Grobheit ist inzwischen zu einer Art Standortfaktor geworden. Die Zehnmillionentouristen wären enttäuscht, würden wir ihnen sackartige Sprüche und hammerharte Repliken vorenthalten, würden wir sie nicht, wie in allen Reiseführern versprochen, ins Stahlbad berlinoiser Flapsigkeit schleudern. Denn dann, so müsste die Zielgruppe sagen, können wir auch gleich bei Bungee-Jumping und Canyoning bleiben - und das kann Berlin nicht wollen.

Anlass dieser Warnung ist ein unberlinischer U-Bahn-Kapitän, der kürzlich die Mikrofonanlage seines Zugs nicht nur für das rituelle "Zrrrrrckbläbidde" nutzte. Vielmehr teilte er kurz vor der Uhlandstraße in wohl formulierten, ganzen Sätzen mit, dass es nun eine kurze Wartezeit im Tunnel gebe, und er hoffe auf Verständnis und wünsche noch einen schönen Tag. Da waren die Fahrgäste baff. Ein Lächeln stahl sich auf die Gesichter, es wurde ein wenig wärmer im Zug.

Schön und gut. Aber was sollen die Touristen bei so etwas denken? Dass in Berlin, dem größten Sado-Maso-Studio der Welt, gerade Streichelwochen angesagt sind? Und wo soll das hinführen? "Guten Tag", könnte es demnächst am jedem Bahnhof heißen, "schön, dass Sie da sind. Mein Name ist Lars Schnippenrodt-Edelkötter, und ich habe das Vergnügen, ihr Zugfahrer auf dem Weg nach Ruhleben zu sein. Falls Sie einen Wunsch haben, zögern Sie nicht, mein freundliches Team anzusprechen."

Ja, das wäre schon fürchterlich, das können wir unmöglich wollen. Deshalb, U-Bahn, gehört der vorwitzige Fahrer zur Ordnung gerufen. Bevor der Nettigkeits-Virus die Stadt ruiniert.

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