Berlin : Von Tag zu Tag: Suche nach Halt

Ekkehard Schwerk

In der Erschütterung suchen wir einen Halt. Und da kann es sogar die Hand eines ganz und gar Fremden sein. Wo die Erschütterung alle haltlos macht, bewirkt sie für eine kleine Weile Eintracht im Schmerz. Wir sind auf Anhaltspunkte angewiesen. Oder verwiesen auf eine Rückbesinnung. Das zeigte sich am Zusammenrücken so vieler Menschen in Gotteshäusern beider christlicher Kirchen. Sie folgten der gemeinsamen Einladung des evangelischen Bischofs Wolfgang Huber und des Erzbischofs Georg Kardinal Sterzinsky in den Berliner Dom am Tag des Geschehens, und gestern in die St. Hedwigs-Kathedrale. Auch die Bischöfe bedurften eines Anhaltspunktes: "Wir wollen die Klage vor Gott bringen." Lichterketten und Mahnwachen verbanden andere Menschen für eine kleine Weile im Schmerz. Im vereinigten Berlin sind die Orte, an denen erschütterte Menschen miteinander und aneinander Halt suchen mannigfaltig.

In der geteilten Stadt war es der Rudolph-Wilde-Platz vorm Rathaus Schöneberg. Dorthin strömten die Berliner stets, wenn sie erschüttert waren. Nach der Ermordung John F. Kennedys benannten sie ihren Platz auf einer Trauerkundgebung, zu der Senat und Abgeordnetenhaus gerufen hatten, nach ihm. Vorher schon hatten Studenten spontan einen nächtlichen Fackelzug von der TU aus zum Rathaus Schöneberg organisiert. Ihm schlossen sich unterwegs viele Menschen an. Vorm Rathaus dankte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt den Studenten dafür, dass sie dem Empfinden der ganzen Stadt Ausdruck verliehen hätten.

Große Erschütterungen verbinden Menschen für eine kleine Weile. Das Unfassbare zu begreifen, dazu braucht es Ruhe und Zeit.

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