Berlin : Von Tag zu Tag: Tanne ohne Ebenmaß

Ekkehard Schwerk

Eine Chance wurde vertan, ein Witz verpatzt. Ich rede von der gerupften Tanne, dem rührenden Kriepel, der aufs Köstlichste dem langweiligen, "gestylten" Ebenmaß unserer Zeit und ihrer Show-Repräsentanten spottete. Man duldete sie nicht auf dem Breitscheidplatz neben der Gedächtniskirche, und Frau von Kekulé, die Pastorin, legte gestern höchstselbst die Säge an den Stamm, hierbei unterstützt von Schaustellern. Die Geistliche ist ja Claudia Schiffers Ebenmaß gewohnt, seit sie diese turmhoch plakatierte zum Zwecke von Werbeeinnahmen für ihr Gotteshaus. Da kann sie eine von Mutter Natur uneben geschaffene Tanne nicht vorm Tempel dulden.

Was sind das denn für Berliner Schausteller geworden, die weniger Witz im Leibe haben als der Tannenkriepel Äste am Stamm! Es könnten ja - unerträgliche Vorstellung das! - Journalisten von Dortmunder Ebenmaß-Maßstab (dort will man nämlich den "weltgrößten" Weihnachtsbaum aufstellen) abermals ausrufen: "Seht mal, immer noch dieses provinzielle West-Berlin ohne Schick, Charme und zum Nachtisch keine Melone." Also weg damit! Und überhaupt: Weihnachten ist nichts zum Lachen, sondern knallhartes, in gefühlige Rührung verpacktes Geschäft. Ein wahrhaft "innovativer", also wirtschaftlicher Umgang mit diesem kahlen Tannenbaum wäre doch gewesen, ihn stehen zu lassen, um im Wonnemonat einen Maibaum daraus zu machen. Das gäbe der Bundeshauptstadt und den hier vertretenen Ländern doch einen ihnen angemessenen ländlichen Brauchtums-Zug. Alles vertan.

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