Berlin : Von Tag zu Tag: Traumfabrik

Andreas Conrad

Berlin sei fast wie Mallorca, war gestern hier zu lesen. Genügt uns das? Strebt diese Stadt nicht nach Höherem, will sie nicht erklärtermaßen mit New York gleichziehen? Es mindestens Washington gleichtun, also ihre Straßen verstopfen lassen mit endlosen Limousinen, in deren dunkelgetönten Scheiben sich nebenhertrabende Bodyguards spiegeln, eine Hand immer am gelassen dahinrollenden Gefährt? Denn so stellen wir uns doch die große weite Welt vor, die der wirklich globalen Präsidenten und Filmstars. Erst wenn die Herren Rau, Schröder, vielleicht auch Thierse nicht einfach hinter Motorradeskorten herzuckeln, sondern die Paladine ihrer Sicherheit neben sich herhecheln lassen, hat Berlin es geschafft.

Immerhin, wir arbeiten daran. Wenn die erträumte Wirklichkeit auf sich warten lässt, schaffen wir sie selbst. Oder lassen sie erschaffen, von eigens dafür abgestellten Traumfabrikanten. Zum Beispiel gestern Unter den Eichen in Steglitz: Eine Stauung des Verkehrsflusses, aus der Ferne sind blinkende Lichter auszumachen, Männer in dunklen Anzügen, die auf der Fahrbahn traben - wie sich beim Näherkommen herausstellt, zu beiden Seiten einer endlosen Limousine, in deren dunkelgetönten Scheiben ... Freilich, die Metropolen-Euphorie hält nur wenige Meter, dann sind wir auf gleicher Höhe mit dem vermeintlich präsidentialen Transportmittel, erblicken den Wagen davor: hinten offen, ein Kameramann lässt die Beine baumeln und dreht und dreht und dreht ...

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