Berlin : Von Tag zu Tag: Unbezahlbar

Bernd Matthies

Gestern hat der neue Senat erstmals routinemäßig getagt, und sämtliche politischen Beobachter peilen intensiv die Lage. Werden SPD und Grüne sich beeilen, den Vorahnungen von Dr. Frank Steffel zu entsprechen, für den der vergangene Sonnabend, Diepgens Abwahltag, der schwärzeste Tag seit dem Bau der Mauer war?

Es fehlt offenbar noch an geeigneten Projekten, in denen sich der Rückfall in den Bolschewismus machtvoll manifestieren könnte. Ohne Zweifel würden die neuen Koalitionsparteien schon aus Rücksicht auf alte Kader im Osten nicht zögern, wieder eine Mauer zu bauen, natürlich mit einem weltberühmten Architekten. Doch dafür ist das Geld einfach nicht da - eine letzte Rechtfertigung für Klaus Landowskys Strategie der knappen Kassen. Konzerne verstaatlichen? Die machen sowieso nur Verluste. Reichlich Punkte brächten im linken Lager sicher die Kindergärten. Doch für das Projekt einer kostenfreien Ganztagsbetreuung incl. Frühstück, Mittagessen und täglich frischem Sabberlätzchen bis zur Grenze von 18 Jahren gilt erst recht das schon Gesagte: nicht zu bezahlen.

Generell steht dem neuen Sozialismus also die Tatsache entgegen, dass ihn sich keiner mehr leisten kann. Doch es gibt ja noch symbolische Akte, die nichts kosten. Also beschloss der Senat die Rettung des letzten Berliner Grenzwachturms am Leipziger Platz. Salomonisch! Denn für die einen ist das Ding einfach eine kleine Gedenkstätte, für die alten Kader aber eine Erinnerung an den größten antifaschistischen Schutzwall der Welt. Und wenn dereinst die Mauer zurückkommt, haben wir schon wieder ein paar Mark gespart.

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