Von Tag zu Tag : Unsere Wurst

Bernd Matthies über eine vergangene West-Berliner Institution

Bernd Matthies

Das Ding ist weg, und niemand hat es recht bemerkt – ein starkes Indiz dafür, dass seine Zeit vorbei war. Wer mit „Loretta im Garten“ überhaupt noch etwas verbindet, an üble Abstürze mit Hefeweizen denkt oder der Gemahlin einst rührselig zuflüsterte: „Riech mal, sie grillen unsere Wurst!“ – der ist schon etwas älter und hat die Siebziger in West-Berlin verbracht.

Loretta war nicht nur ein Biergarten (und damit selten genug im engen Berlin der Mauerzeit), Loretta war im Grunde der gelungene Versuch, den Zeitgeist von Kommune und Wohngemeinschaft auf die Straße zu tragen. Bier und Wurst und Politik – eine Dreieinigkeit im Geiste der 68er in einer Baulücke in der City.

Ja, das ist lange her. Der kuriose Geist des Ortes hatte sich längst verflüchtigt, die Gäste sind all den Stränden und Strandbars nach Osten und in die Peripherie gefolgt, und geblieben war eine Allerweltskneipe für herumirrende Jungtouristen. Dennoch ist es irgendwie banal, dass nun ein Hotel die Lücke schließen soll. Mag sein, dass auch das noch seine Gäste findet im Berlin-Boom. Aber ob drinnen noch Platz wäre für ein klitzekleines Loretta-Gedenktäfelchen? (Seite 10)

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