Berlin : Von Tag zu Tag: Unter Linden

Lothar Heinke

Unter den Linden unter den Linden: Bitte die Augen zuklappen, den Kopf anheben und sehr konzentriert sein: Das gibt es so nur jetzt und nur hier. Nun ganz tief einatmen! Wo sind wir eigentlich? An irgendeinem Dorfanger ganz weit weg, wo es alle Viertelstunde vom Kirchturm schlägt? Vor meinem Vaterhaus? Auf einer Allee im Sommer zwischen gelb-wogenden Feldern? Im Himmel? Ach, egal. Wir sind im Paradies. Wirklich. So könnte es geduftet haben, als Eva den Adam verwirrte. Süßlich-streng, wie Honig und Jasmin, mit einem Tröpfchen der Rose. Die Verführung ist auch hier sehr groß, sich auf die nächste Bank zu setzen, um zu genießen. Du zupfst eine Blüte ab. Du hältst sie an die Nase. Der Duft wärmt das Herz. In den Blumenläden, denkt man, haben sie ihn längst umgebracht. Aber hier, in der Natur, ist er für kurze Zeit zu Gast, um diese Stadt und ihre Städter zu betören.

Bei den Germanen und Slawen, sagt das kluge Lexikon, spielten Linden in Volksbrauchtum und Sage eine hervorragende Rolle. "Feste, Versammlungen und Trauungen fanden bevorzugt unter Dorf-, Brunnen- und Burg-Ln. statt. Die L.n wurden als heilig angesehen." Na, bitte. Das haben sie sich auch verdient. Man kann sie überdies noch trocknen und trinken, Lindenblütentee ist schweißtreibend und fiebersenkend bei Erkältung und Grippe.

Bei unseren Linden handelt es sich um die Tilia tomentosa, jene Silberlinde, die vor Jahren schon einmal abgeschrieben schien: Gasleitungen sollten den Wurzeln zugesetzt haben, man plante, die Pracht zu fällen. Und nun? Sie duften göttlich. Übrigens wird heute direkt unter den Linden ein Kiosk eröffnet - für Döner. Tief ausatmen!

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