Von Tag zu Tag : Unter Verdacht

Elisabeth Binder hat ein Jobangebot für Berlins Fahrraddiebe.

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Das Rad hat einige Zeit in der Garage gestanden. Verwaist. Verwahrlost. Nicht wahr genommen. Aber nun in diesem wohlig warmen Winter soll es endlich wieder seinem ureigentlichen Verwendungszweck zugeführt und gefahren werden. Allein, oh Schreck, der Schlüssel ist weg. Gesichert ist es mit einem schönen stabilen Stangenschloss. In den Jahren, als es regelmäßig ausgefahren wurde, hat kein Dieb sich je daran versucht.

Und nun nach der Ruhephase ist der Schlüssel nirgendwo mehr zu finden. Nicht an dem Bund, an dem eigentlich alle Schlüssel hängen, nicht in dem alten Fahrradtäschchen, das tatsächlich noch in der Werkzeugkiste liegt, nicht in einem der Geheimverstecke, die für alle Fälle in der Wohnung eingerichtet sind. Spurlos.

Der Mann an der Tankstelle guckt wenigstens noch halbwegs ernsthaft. Nein, auf das Knacken von Schlössern sei er nicht eingerichtet. Da müsse man ja richtig sägen. Auch der Reifenhändler bleibt höflich und empfiehlt mangels geeigneten Werkzeugs die nahe gelegene Reparaturwerkstatt. Die Frau hinter der Kasse macht gleich einen vielsagenden Gesichtsausdruck. So eine Anfrage hört sie offensichtlich nicht zum ersten Mal. „Da kommen öfter mal welche von dem Platz da drüben“, sagt sie mit einer vagen Handbewegung und einem Hauch von Sarkasmus in der Stimme. „Fahrradschlösser öffnen wir grundsätzlich nicht ...“ Moment mal, denkt sie etwa, sie hätte eine Fahrraddiebin vor sich? Vermeintlich seriöses Aussehen schützt nicht vor Verdächtigung. In dieser Stadt ist eben alles möglich, da kann man einen noch so seriösen Wollmantel tragen und ein Alter durchschimmern lassen, in dem nur die wenigsten noch fremde Fahrräder klauen.

Neben der offenen Frage, wie das Ding nun wieder auf zu kriegen ist, bleibt ein weiteres Rätsel. Wieso verdienen Menschen, die zu dem komplexen Vorgang in der Lage sind, ein Fahrradschloss zu knacken, ihr Geld nicht mit normaler Arbeit? Das wäre doch lukrativ.

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