Berlin : Von Tante Emma zu Onkel Hassan

„Treffpunkt Tagesspiegel“ im Hotel Intercontinental: Wie schaffen Zuwanderer Wachstum und Jobs ?

Matthias Jekosch

Zum Ende der Diskussion erhitzten sich die Gemüter. Es werde in Richtung Rassismus argumentiert, kam ein Vorwurf aus dem Publikum. Eine Frau fand, viele vorangegangene Wortbeiträge seien ein „starkes Stück“. „Endlich kommt Stimmung in die Bude“, kommentierte das der abgeklärt-ironisch moderierende frühere Wissenschaftssenator George Turner. Beim „Treffpunkt Tagesspiegel“ im Hotel Intercontinental ging es am Montagabend um Zuwanderung.

Interessiert wurde die lebhafte Diskussion im Saal auch von den Podiumsteilnehmern verfolgt. Die teils harschen Kommentare sah der Journalist M. Walid Nakschbandi, Geschäftsführer der AVE Gesellschaft für Fernsehproduktion, als einen wichtigen Beitrag zur Streitkultur in Deutschland. „Was hier passiert, ist für mich die neue deutsche Normalität. Das ist etwas, das uns weiterbringt.“

Neben Nakschbandi hatten die Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, Heidi Knake-Werner (Linkspartei), und Gerd Nowakowski, Ressortleiter Berlin/Brandenburg beim Tagesspiegel, Platz genommen. Vor allem Pauschalisierungen ließen die Gemüter hochkochen. Wenn von bildungsunwilligen Menschen mit Migrationshintergrund die Rede war, dann war gerade Nakschbandi schnell dabei, eine Lanze für diese Gruppen zu brechen. Auch die Senatorin betonte: „Mit Pauschalverurteilungen kommen wir nicht weiter.“

Die Diskussion, die den Titel „In Bewegung: Wie Zuwanderer für Wachstum und Beschäftigung sorgen“ trug, entwickelte sich gerade mit den Meldungen aus dem Publikum weg von der Wirtschaftskraft und wendete sich den Problemen vor allem der türkischen Gemeinde in Berlin zu. Sie ist mit etwa 120 000 Mitgliedern die größte der Stadt. Von 30 000 Unternehmen in Berlin, die von jemandem mit ausländischem Pass oder Migrationshintergrund geleitet werden, haben 7000 türkische Wurzeln. „Onkel Hassan hat mittlerweile Tante Emma ersetzt“, merkte Turner lapidar an.

Dass unter Zuwanderern Probleme wie Gewalt und Sozialhilfekarrieren gehäuft auftreten, wurde auch darauf zurückgeführt, dass in Deutschland jahrelang Integrationspolitik verschlafen wurde. Diesen Fehler würden nun oft die Zuwanderer in der dritten Generation ausbaden. „Statistiken belegen, dass es da erhebliche Probleme mit der Zugehörigkeit gibt“, sagte Nakschbandi.

Die beiden türkischstämmigen Unternehmer Ertan Çelik von der Çelik Döner GmbH und Erman Tanyildiz, Gründer und Geschäftsführer der OTA-Hochschule, mussten kurzfristig absagen. „Sie wären gute Beispiele gewesen, die ja auch in die Öffentlichkeit transportiert werden“, bedauerte Turner. Denn darin waren sich alle Podiumsteilnehmer einig: Man braucht Vorbilder, um die jungen Leute zu motivieren. „Da gibt es sicherlich auch eine Bringschuld der Medien“, sagte Nowakowski. Denn es gibt längst nicht mehr nur den Dönerbuden- oder Chinarestaurantbesitzer. Zugewanderte Mitbürger sind in allen Bereichen des Wirtschaftslebens angekommen.

So forderte Nowakowski: „Machen wir Berlin zur Hauptstadt der Chancen für junge Menschen aus aller Welt, die Unternehmen gründen wollen.“ Auf diese Weise könnten Probleme gelöst und Vorbilder geschaffen werden. Dazu gehöre aber auch, über den nationalen Tellerrand zu schauen und in anderen Ländern die deutsche Hauptstadt als Wirtschaftsstandort anzupreisen. Genauso müsse länderübergreifend die Bildung und die Zuwanderung koordiniert werden.

„Politiker müssen international denken. Dann schaffen wir auch die Integration, die wir uns wünschen“, sagte Knake-Werner.

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