Berlin : Von Tisch zu Tisch: Bistro-Restaurant du Centre Francais in Wedding

Bernd Matthies

Um mal den gastro-historischen Bogen zu schlagen: Vor zehn Jahren wären wir ja für ein vielversprechendes Restaurant auf Verdacht nach Kladow oder Lichtenrade gefahren. Heute ist es schwer genug, sich nur aus der Gegend zwischen Reichstag und Gendarmenmarkt loszureißen. Unsere eher sesshaften Leser in den anderen Bezirken treiben deshalb oft orientierungslos durch ihren Kiez, immer gequält von der Ahnung, ein gutes Restaurant könnte ganz in der Nähe sein, ohne dass sie es wissen.

Aber keine Angst: Solche Restaurants sind extrem selten, zumal heute ja kein Imbiss mehr eröffnet wird, ohne dass eine PR-Agentur mitteilt, der Besitzer habe mal zwei Wochen bei Witzigmann die Gläser poliert und besitze ein signiertes Kochbuch des Meisters. Dies gilt freilich nicht für das eher bescheidene Bistro im Weddinger Centre Francais. Über dessen Personal wissen wir nur, dass es aus der Umgebung des französischen Militärs stammt, das sich seinerzeit das Leben im ungastlichen Preußen mit allerhand heimatlichen Versatzstücken versüßt hatte. Das Bistro wirkt heute, zehn Jahre später, wie ein kleines Museum dieser Zeit: Blau-weiß-rote Flaggen grüßen von der Wand, Escargots und Couscous von der Speisekarte, und im Hintergrund jubiliert Mireille Mathieu, als würden die 70-er Jahre wegen des großen Erfolgs gerade wiederholt - eine schrille Mischung, die ein, sagen wir, äußerst buntes Publikum anzieht, vom biederen Weddinger Nachbarn bis zu schnittigen Abgesandtinnen der Lesbenszene.

Die Küche hat die 70-er Jahre trotz einiger Rückfälle ganz achtbar hinter sich gelassen. Man sollte nur keine Wunder erwarten: Die "Paté de Campagne", hübsch mit gutem Salat angerichtet und ein wenig fett, glich dem bekannten Produkt eines noch bekannteren französischen Kaufhauses so sehr, dass wir die Hoffnung auf hausgemachte Individual-Pastete gleich wieder fahren ließen. Die gratinierten Jacobsmuscheln wirkten gleichfalls nicht übermäßig einfallsreich, waren aber sorgfältig gegart und sicher abgeschmeckt. Dennoch fielen die - hier offenbar nicht sehr gefragten - Vorspeisen gegen die guten Hauptgänge ein Stück ab. Zartes, saftiges Lammkarree mit Ratatouille, ebenso zart geschmortes Kaninchen in sanfter, unpenetranter Senfsauce plus Broccoli, dem sie hier sogar eine Art von Geschmack abgewinnen, das fanden wir zu Preisen zwischen 25 und knapp über 30 Mark durchaus überzeugend. Noch besser gelangen die Desserts, die jedenfalls nicht aus dem Kaufhaus stammen: beispielsweise Krokantparfait mit reichlich Baiser drumherum oder ein Limettenmousse, das nicht nur hübsch aussah, sondern auch zum Hineinlegen schmeckte.

Schade, dass sich die Weinauswahl so bieder ins Klischee fügt. Fronkreischs Platitüden vom Sancerre bis zum Beaujolais in knapper Sortierung zu milden Preisen - da wirkte der rote Saumur-Champigny, zu dem wir uns entschlossen, schon geradezu avantgardistisch. Wenn allerdings der Erzeuger des Weins ein ganz anderer ist als jener, den die Karte verspricht, sollte der Service das wenigstens ansagen. Sonst hatten wir gegen die aufmerksame Arbeit der gänzlich unfranzösischen Kellner keine Einwände.

Das alles ist insgesamt so gelungen, dass ich den Titel "Bestes Weddinger Restaurant" ohne viel Grübeln vergebe. Der ist freilich leicht zu erringen, und ich will nicht verheimlichen, dass einige Berliner Köche es durchaus schaffen, auf dieser Stil- und Preisebene ein ganzes Stück einfallsreicher und konsequenter zu kochen. Und deswegen ist eben das "Cochon Bourgeois" in Kreuzberg immer ausgebucht und dieses Bistro hier nicht.

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