Von TISCH zu TISCH : Le Petit Felix

In diesem Hotelrestaurant wird mit Ehrgeiz gekocht - ungewöhnlich, retrospektiv. Kurz: ein Erlebnis

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Die hübsche Brasserie hinten im Adlon: Le Petit Felix. Ein Restaurant, in dem mit Anspruch gekocht wird - durchaus empfehlenswert.
Die hübsche Brasserie hinten im Adlon: Le Petit Felix. Ein Restaurant, in dem mit Anspruch gekocht wird - durchaus empfehlenswert.Foto: Le Petit Felix / promo

In den internationalen kulinarischen Trendgewittern behauptet sich gegenwärtig die französische Klassik besonders gut. Wer nichts falsch machen will, der hängt das Schild „Brasserie“ raus. Zwischen Bouillabaisse, Steak frites und Creme brulée findet jeder Esser, der keine Experimente sucht, irgendwo seins. Es gibt die Brasserie in Berlin normal, asiatisch gemischt oder mit der Handschrift Tim Raues, und es gibt sie getarnt als Hotelrestaurant ohne Ehrgeiz, weil da halt gekocht werden muss.

Neue Mannschaft

Im „Petit Felix“, hinten im Adlon, haben sie Ehrgeiz, und es handelt sich, weil unabhängig, nicht um ein Hotel-Restaurant. Dennoch wurde am Konzept ständig herumgeschraubt, so oft, dass am Ende niemand mehr wusste, was genau ihn dort erwartet. Nun hat eine komplett neue Mannschaft das Ruder übernommen, eine Mannschaft, die – so hoffe ich – mal mehr auf Dauer ausgelegt ist. Als Restaurantleiter und Sommelier werkelt Helge Hagen, der viele Jahre im Hattenheimer „Kronenschlösschen“ war, und aus diesem Umfeld stammen auch Ronald Thelemann und René Pusch in der Küche.
Was sie machen, ist ein wenig verwirrend. Neben vielen Klassikern steht ein modern klingendes „Menu experience“ auf der Karte, über das ich hier vermutlich schreiben würde, wenn nicht Hagen einen Vorschlag gemacht hätte: Ich solle doch mal die „Tour de cuisine“ bestellen, viele kleine Vorspeisen auf einmal – und eine Ente für zwei. Das war ein guter Rat, wenn man keine Überraschungen erwartet, sondern ein grundsolides Essen.
Speziell die Ente, sie kommt vom bekannten Hof Schönmoor in Schleswig-Holstein, ist so kaum sonst irgendwo in Berlin zu haben: Vorgeschmort zu wunderbar zarter Konsistenz, dann bei Bestellung im Ofen noch einmal nachgebraten. Tranchiert wird am Tisch, dazu gibt es eine abgrundtief dunkle Jus, Portweinschalotten, Wirsing, Selleriepüree, grünen Spargel, kleine Kartoffelteilchen – eine Sache, die alle hochmögenden stilistischen Erwägungen am puren Wohlgeschmack zerschellen lässt.

Bewusst zurückhaltend

Die Vorspeisen schmecken auch. Bemerkenswert ist vielleicht, dass die Küche bewusst zurückhaltend würzt und dafür Salz und Pfeffer auf den Tischen duldet; wer es lieber ab Werk kräftig hat, wird damit eventuell nicht ganz zufrieden sein. Ganz formidabel gelang die gebratene Gänseleber mit Apfel und Kartoffelpüree, endlich einmal auch ohne betonte Süße. Bärlauchsüppchen mit Garnele, Schnecken mit Champignons, Grillgemüse mit Kräuterquark und Rindertatar auf Avocados – das alles war handwerklich sauber, gab keine Rätsel auf, schmeckte prima.
Dann probierten wir noch außer der Reihe Seeteufel im Nudelblatt mit dicken Bohnen und geräuchertem Eigelb, ein bisschen Neunziger, auch gelungen, tolle Fischkonsistenz, wenngleich ein wenig mehr Soße das Wohlgefühl sicher noch gesteigert hätte. Beim Dessert kam dann nicht mehr allzu viel nach, zweierlei Mousse, Erdbeereis, nett anzusehen, aber verhalten im Aroma, das wirkte so, als stehe das Thema in der Küche doch eher hintenan (86 Euro pro Person).

Gegen den Trend

Hagen kennt sich aus mit Wein und kann aus einem gewaltigen Fundus schöpfen. Wer einen gereiften Côte Rotie, einen Elsässer Riesling bester Herkunft oder auch feine deutsche Gewächse probieren möchte, der ist hier absolut gut aufgehoben. Das Modethema „Naturwein“ können andere vermutlich besser, ich gebe zu, dass ich es nicht vermisst habe.
Hier haben wir es also mit einem Restaurant-Erlebnis zu tun, das durchaus retrospektiv zu nennen ist; seine Modernität rührt daher, dass es so schon lange niemand mehr gemacht hat. Ich jedenfalls habe mich hier erstmals seit dem „Gabriele“-Höhenflug wohl gefühlt.

- Le Petit Felix. Behrenstr. 72, Mitte, Tel. 20 62 86 10, geöffnet täglich außer Sonntag ab 18 Uhr.

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