Von TISCH zu TISCH : Mine & Wine

Muss ein Russe kommen, um Berlins italienische Restaurants aus ihrer Lethargie zu holen? Offenbar. Eine Charlottenburger Neueröffnung beweist es

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Gehobene italienische Küche, ungewöhnliches Ambiente: das brandneue "Mine & Wine" in Charlottenburg
Gehobene italienische Küche, ungewöhnliches Ambiente: das brandneue "Mine & Wine" in CharlottenburgFoto: Mine & Wine /promo

Das hier kommt mal mit einer ganz anderen Wucht auf den Berliner Markt, der vor lauter Neueröffnungen nur so brummt. Denn hier wurstelt nicht irgendwer, hier zeigt der „russische Jamie Oliver“, wie es richtig geht. Bitte, wer gleich? Ich kannte ihn bisher auch nicht, aber hier ist die Presseinformation: „Das erste Restaurant von Aram Mnatsakanov, bekannt als „Höllischer Chef“ und bereits sehr erfolgreich mit seiner Restaurant-Kette in GUS-Ländern. Sein Sohn Mikhail Mnatsakanov, ein talentierter junger Chefkoch und Absolvent der berühmten Pariser Kochschule Ferrandi, führt die Restaurantdynastie mit ,Mine & Wine' in Berlin weiter“.

So, das wäre mal geklärt. Zweifler können auf der Website den höllischen Chef auch als Porsche-Werbegesicht sehen – er ist, sagt er, stolz auf seine Flotte, zumal er die Qualitätsphilosophie des Autobauers teile. Und nun noch einen obendrauf: Die Adresse Meinekestraße 10 kennen Kulinarhistoriker im Schlaf, hier war mal Henry Levys „Maitre“, zwei Michelin-Sterne ab 1976.

Die Vorspeisen - ausgezeichnet

Mal sehen, wie ich da jetzt wieder herauskomme. Denn diese Einleitung lässt eigentlich nur einen rabiaten Verriss zu. Aber dafür gibt es keinen Grund. Hier wird überwiegend sehr gehobene, moderne italienische Küche mit ein paar Akzenten serviert, nicht zu teuer. Auch die recht große Weinkarte ist nicht neureich zugeballert, sondern stammt vom Naturwein-Spezialisten Holger Schwarz. Es gibt also Veltliner vom Nikolaihof (42), offenen sizilianischen Roten von Arianna Occhipinti, Pinot von Holger Koch, dazu ein paar schrägere Sachen, vernünftig kalkuliert.
Das Essen. Bei den Vorspeisen pflegt die Küche die Marotte, häufig Eis einzubauen, was aber nicht unangenehm auffällt. Auf der Garnelen-Ceviche zum Beispiel, etwas säurearm, gutes Produkt, liegt ein Ingwer-Granité neben marinierten Rettichwürfeln (15 Euro). Panzanella, der toskanische Brotsalat, wird dekonstruiert mit Taschenkrebsfleisch, Tomatensorbet und nur ganz wenig Geknusper, sehr filigran (14). Ohne Eis kommt die Pâté de Foie gras, die eigentlich eine Mousse ist, aber ausgezeichnet schmeckt und von texturell ähnlicher, gegrillter Avocado modisch begleitet wird (15).

Pasta - als Zwischengang fast zu gut

Schließlich ließen wir uns noch die gegrillte Aubergine kommen, akkurat gemacht, mit saaahniger Burrata und Tomatenmarmelade (14). Pasta ist hier klar als Zwischengang bemessen, schade eigentlich, weil die wunderbar dünn umhüllten Ravioli mit Rind und Trüffelhauch (16) nach mehr schmeckten – ulkig, dass ein Russe kommen muss, um die Berliner Italiener, selbst die besten, aus ihrer selbstgefälligen Lethargie zu holen. Es folgten: Ein gelungenes Meeresfrüchte-Risotto, etwas kompakt für meinen Geschmack, aber mit Muscheln und Garnelen solide aufgefüllt (22), eine geschmorte, zur Rolle gedrehte Lammschulter mit geröstetem Blumenkohl (26), schön zart mit leichter und doch intensiver Jus, und schließlich Kalbsbäckchen, weich geschmort mit, nun ja, 22 Kräutern und rauchigem Kartoffelpüree (22).

Das Ambiente - sehr gelungen

Mit den Desserts waren wir weniger einverstanden: Das Tiramisu, am Tisch aus einer Schüssel üppigst zugeteilt, wirkte zu fluffig, wenig intensiv (8), und das seltsame Quartett vom grünen Apfel mit gutem Sorbet, einem langweiligen eiskalten Schwammwürfel und ein paar Knusperelementen war eher eine Spielerei (8). Der Service, dicht besetzt, arbeitete noch sehr unkoordiniert, kein Wunder so kurz nach Eröffnung.
Also? Gut. Zudem ist die Vintage-Einrichtung gelungen, man sitzt angenehm unter eher niedriger Decke, Akustik und Beleuchtung stimmen. Die Gäste für den Anfang: kultiviert, nicht dem Russen-Klischee entsprechend. Mal sehen, wie sich das entwickelt.
- Mine&Wine Bar-Restaurant. Meinekestr. 10, Charlottenburg. Di - Sa ab 17. 30 Uhr, Tel. 88 92 63 63

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