Von TISCH zu TISCH : Obermaier

Neue Leitung, modernere Küche - und die süddeutsche Hausmannskost gewohnt gut: Eine Kreuzberger Institution ist zurück

von
Im "Obermaier" in Kreuzberg hat sich nach dem Pächterwechsel nicht viel am rustikalen Ambiente geändert. Die Holztische sind immer noch blank - aber die Küche ist moderner. Foto: Nina Demski / promo
Im "Obermaier" in Kreuzberg hat sich nach dem Pächterwechsel nicht viel am rustikalen Ambiente geändert. Die Holztische sind immer...Foto: Nina Demski / promo

Die nackten, gleichwohl raffiniert eingefassten Glühlampen an Decke und Wänden schlagen eine leuchtende Brücke zwischen dem alten und dem neuen Kreuzberg. Zweiter Hinterhof trifft hippes Penthouse. Draußen im Biergarten demonstrieren bunte Lichterketten die Vielschichtigkeit der Gegend. Das alte Gasthaus Obermaier hatte immer schon viele Fans. Unter neuer Bewirtschaftung hat es nur das "Café" im Namen gestrichen, aber die solide Küchenrichtung behalten. Allerdings lockt die süddeutsche Hausmannskost nun mit einer kräftigen Prise moderner kulinarischer Intelligenz. Über einer langen Bank am Rücken des Raumes setzt ein großes Bild mit Wasser und Booten ländliche Akzente ins urbane Ambiente. Und ein kurzer roter Teppich, der die beiden Ebenen des Restaurants zwischen Eingangsbereich und Hochparterre miteinander verbindet, symbolisiert wohl mit einem Augenzwinkern die Ausläufer der Gentrifizierung.

Vorweg eine Erdapfelsuppe

Auch deren Protagonisten sollen hier Platz finden. Das wird schon beim Aperitif spürbar. Der Secco ist angenehm trocken. Die Maibowle kommt zwar in sehr überschaubarer Portion, aber hübsch verziert mit einer halben geschälten Zitronenscheibe und einem pittoresken grünen Waldmeisterzweiglein. Auf dem blank glänzenden Holztisch flackert ein Windlicht, steht in einem kleinen Porzellangefäß die hauseigene Kräuter-Salz-Mischung bereit, um, mit feinem Olivenöl verrührt, vom frischen Graubrot aufgetunkt zu werden.
Vorweg gibt es eine schöne, bauchige Terrine mit Erdapfelsuppe, die mit einem kräftigen Schlag Sahne und würzigen Rauchenden-Scheibchen sehr zu ihrem Vorteil veredelt ist (5 Euro). Zur samtigen grünen Erbsensuppe wird ein mit Ziegenkäse überbackenes Scheibchen Baguette serviert (4,50 Euro).

Braten gegen Heimweh

Der Service ist sehr freundlich, aber die Speisenfolge zieht sich hin. Obwohl die nette Kellnerin versprach, gleich nach den Vorspeisen unsere Hauptgerichte abzurufen, mussten wir noch geraume Zeit darauf warten. Hat sich aber gelohnt. Der Krustenbraten mit Schwarzbiersauce dürfte, selbst wenn die Betreiber ihre Küchenrichtung „Tirol Fusion“ nennen, eine große Heilwirkung auch auf heimwehkranke Bayern haben. Die würzige Kruste war allein vom Umfang her schon eindrucksvoll mit ihrer leckeren Mixtur aus knusprig und fettig. Dazu gab es zwei fluffige Semmelknödel und gutes, nicht zu festes und daher wirklich wie hausgemacht schmeckendes Sauerkraut (14,80 Euro). Saftig und frisch war der Zander unter seiner Senfkruste. Bissfestes Wirsinggemüse und ein geschmeidiger, also nicht ganz kalorienarmer Kartoffel-Sellerie-Stampf passten gut dazu. Wenn man dieses Gericht noch um eine Sauce erweitern wollte, würde sich etwas zitronig Buttriges anbieten (16,50 Euro).

Zum Schluss einen Kaiserschmarrn

Auf der Schiefertafel hatte ich als Dessert extra Kaiserschmarrn entdeckt. Dazu gehört hier ein promillereiches Kompott, ein auf Pflaumen reduzierter Rumtopf. Der heizt den akkuraten Eierkuchenquadraten mächtig ein. Trotzdem fragte ich vorsichtshalber nach, warum da nicht die üblichen Fetzen lagen. Warum wusste die Kellnerin nicht, versicherte aber, dass der Schmarrn eigens für uns zubereitet worden sei. Dabei war er im Vergleich zu den Hauptgerichten sogar ziemlich schnell gekommen (4 Euro).
Mit Kohlensäure aufbereitetes Hahnwasser wird in hübschen, nostalgischen Flaschen serviert. Natürlich gibt es Almdudler und im Sommer auch hausgemachte Limonade. Zufrieden war ich mit dem Weinangebot, besonders mit dem trocknen 2015er rheinhessischen Riesling aus biologischem Anbau von Philipp Wedekind (19,50 Euro). Der erwies sich als vergleichsweise preiswerter und trockener Begleiter zu dem kräftigen Essen.

- Obermaier. Erkelenzdamm 17, Kreuzberg, Tel. 61 65 68 62, täglich außer montags ab 17 Uhr

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar