Berlin : Von Tisch zu Tisch: Osteria Numero Uno in Kreuzberg

Elisabeth Binder

Man kennt den Anblick aus den Ferien, aber in Berlin ist er ungewöhnlich: Als wir am fortgeschrittenen Abend die Osteria No. 1 betraten, fanden wir dort so ziemlich alle Generationen fröhlich durcheinander redend an den familiär schön gedeckten Tischen vor. Gleich neben uns thronte ein kleiner Junge im Kinderstuhl vor einer riesigen Pizza Margharita; dessen freundliche Zuwendung errangen wir mittels unseres Weinkühlers. Gemeinsam mit seiner etwas älteren Freundin machte er sich daran, jedes nur denkbare Geheimnis der Eiswürfel zu erkunden (schmelzen, schmeißen, schlucken). Weiter hinten in der Ecke residierten die Charakterköpfe, diskutierten mit Verve; dies war mal ein berühmter Treffpunkt der 68er, als sie in das Alter kamen, in dem man die Segnungen des arrivierteren Lebens zu schätzen weiß.

Familien, Paare, Freundeskreise: Im Alter zwischen 0 und 100 scheint hier jeder hinzupassen, dabei lag so eine singende Lebensfreude in der Luft, und die Keller waren gut gelaunt, hilfsbreit und auf eine natürliche Art freundlich. Zur Atmosphäre passten die praktischen Papiertischtücher; Kerzen stellen verlorengegangene Romantik wieder her, und einige große Schauspieler lächeln in Schwarzweiß von den Wänden. So müssen Kultlokale sein. Normalerweise müsste das Essen dann eher verhalten schmecken, aber diese alte Kritikerregel gilt hier nicht.

Der Prosecco kommt schnell und ist vorbildlich kalt (7 DM). Der Wein, ein sauberer Soave Classico, ebenfalls (42 DM). Die planschenden Kinder lenken ein wenig, aber nicht völlig davon ab, dass es bis zum Essen dann doch noch ein geraumes Weilchen dauert. Das Warten lohnt sich immerhin. Die Avocado, bequem gewürfelt, mit glanzfrischem Flusskrebsfleisch, war einfach wunderbar (19 DM).

Auch "Finocchio", der Salat mit Fenchel, Pampelmusenfilet und geriebenem Schafskäse, war sehr schön, die Zutaten klein geschnitten und frisch, wie es sich gehört (15 DM). Allein, es gab kein Dressing. Es gab Essig, Öl, Pfeffer und Salz, das ist eine alte Mode, weiß ich auch. Aber könnte man nicht mal eine neue Mode ausrufen, die sagt, alternativ zum selbstgebastelten Dressing bietet jeder Koch auch eine eigene Kreation an?

Kommen wir zum Höhepunkt des Essens. Die Pappardelle mit Entenfleisch und Äpfeln hatten einen ganz besonders schönen Geschmack, so blühend und fruchtig und Toscana-Sehnsucht weckend (23 DM). Die Pizza Capricciosa wies hingegen schon noch Momente von Steigerungsfähigkeit auf. Okay, der Teig war dünn, der Mozzarella saftig, die Champignons waren frisch, Schinken und Oliven von guter Qualität, die Tomaten fruchtig, aber die Artischocken schon ein bisschen ausgetrocknet. Vielleicht war die gute Pizza am Ende etwas zu lange im Ofen geblieben (15 DM). Der sehr angenehme, samtige offene Chianti glich es etwas aus (0,2 l für 9 DM).

Es war eines dieser Lokale, bei denen mein Begleiter aus dem bürgerlichen Blankenese am Ende immer ganz vorwurfsvoll fragt: "Warum hast Du mir das nicht schon früher gezeigt?" Die Aura des Arrivierten, die er in seiner Heimat so schätzt, dehnt ihre Verführungskraft, so scheint es, immer häufiger auf unerwartete Zielgruppen aus: Erst auf die 68er, dann auf den Bezirk Kreuzberg; und die Autonomen werden auch noch drankommen. Irgendwann verlieren sie den Bock auf schwarzen Block und Hasskappen und stürzen sich stattdessen auf schwarze Pasta mit Hummerfleisch. So sehen sie halt aus, die Abgründe des Erwachsenseins.

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