Berlin : Von Tisch zu Tisch: Portofino

Elisabeth Binder

Den Tipp, mal ins "Portofino" zu gehen, hatte mir vor vielen Monaten eine nette Sizilianerin gegeben. Die Pizza sei wirklich "crocant", sagte sie mit ihrem reizenden Akzent. Zufällig trifft es sich so, dass mein Begleiter aus dem an Yacht-Gründen reichen Blankenese auch Portofino-Fan ist, weshalb ich gleich dachte, ein Ausflug dorthin würde ihm gefallen. Trotzdem hat es eine lange schon existierenden Pizzeria im alten Westen schwer, den gleichen Aufmerksamkeitsfaktor zu erlangen, wie die vielen neuen In-Treffs in Mitte und anderswo.

Als ich dann aber kürzlich im Flugzeug neben einem jungen Mann saß, der sich später als Koch des Hauses outete und bis zur letzten möglichen Sekunde mit seinem Telefonino übers Essen parlierte, nur um dann die von den Stewards dargebotene Mahlzeit mit einer mitleidigen Geste zu verweigern, nahm ich das als Zeichen: "Jetzt oder nie."

Das Portofino sieht so richtig aus, wie man sich früher eine Pizzeria vorstellte. Nix von dem kühlen Schick, mit dem sich die kulinarischen Botschafter aus dem Mutterland edlen Designs zur Jahrtausendwende präsentieren. Dafür echte Rundbögen, Kieselsteinwände, grün-weiß-rote Lampen, kitschige Accessoires, gewürfelte Tischdecken, bauchige Ölflaschen, eine yachtähnliche Bar und eine schöne, bunte Ansicht von Portofino, jenem wunderbar pittoresken Hafenstädtchen, in dem man für einen schlichten Drink auf der Piazza doppelt so viel Geld loswerden kann, wie anderswo für ein ganzes Menü. Angesichts der extrem gemäßigten Preise für die sauberen offenen Weine, die sie hier kultivieren, den Chardonnay (0,5 l = 18 Mark) oder den Chianti (0,5 l = 14 Mark), kann das Bild seine psychologische Wirkung voll entfalten. Auf mich wirkte das fast wie die Karikatur eines Restaurants oder wie eine Filmkulisse, aber mein Begleiter konnte laute Seufzer des Behagens kaum unterdrücken: "Warum hast Du mir das nicht schon längst gezeigt?! Weil es so altmodisch ist? Vielleicht auch, weil es so eine lange Speisekarte hat. Die ist aber wirklich originell, es werden keineswegs nur ligurische Gerichte angeboten, sondern auch zum Beispiel sizilianische."

Unter anderem gibt es Salate für Fischer und Piraten und Kardinäle. Und erst die Steinofenpizzen. Allein unter den Spezialitäten gibt es die ganze Bandbreite von Paradiso über Purgatoio bis Inferno. Ich entschied mich für die Hölle, und sie war einfach himmlisch. So eine tolle Pizza habe ich wirklich selten gegessen: riesig groß, hauchdünner, knuspriger Teig, belegt mit Spanferkel (sieht rosig aus wie gekochter Schinken, schmeckt aber einleuchtender), Peperoni und Aubergine, schönem Käse, fruchtigen Tomaten (19,50 Mark).

Es ist dies wirklich ein Gegenbeweis gegen die alte Restaurantkritiker-These, dass lange Speisekarten ein schlechtes Zeichen für die Qualität der Speisen sind. Auch das blankenesische Vorurteil über die Pizza ließe sich, wenn irgendwo, dann hier außer Kraft setzen.

Der Kellner, ein Mann von pädagogischen Gaben, ermutigte uns ständig zur Langsamkeit. "Nach und nach", heißt seine Devise, und als ich meine Vorspeise nicht aufessen wollte, ließ er den Salat Portofino vorwurfsvoll zwischen uns stehen und ignorierte jegliche Bitte, ihn abzuräumen. "Vielleicht möchte der Herr ja noch...", sagte er in völliger Ignoranz der zutiefst salatskeptischen Gesichtszüge meines Begleiters. Dabei war der Salat durchaus auch wunderbar, viel zu riesig natürlich, aber endlich mal wieder mit dem herrlich altmodischen Senf-Dressing aus meiner Studentenzeit, mit Eisbergblättern, Tomate, Gurke, Ei, Olive, Schinken und guter Salami. Dazu gab es weiches Brot (14,50 Mark).

Die Carpaccio-Variationen waren deutlich übersichtlicher, köstlich auch, sowohl das vom Rind mit Champignons und grob gehobeltem Käse als auch das vom Lachs mit rotem Pfeffer (22,50 Mark). Frisch und kein bisschen altmodisch. Die Scampi al Forno dagegen wieder in einem sehr gekonnten Retro-Stil, auf den das Wort "lecker" gut passt, zumal dies wirklich kein Kritiker-Restaurant ist. Dessert zu bestellen, habe ich mich angesichts des strengen Kellners nicht getraut, obwohl es sicher einen Versuch wert gewesen wäre. Mein Begleiter, der durch konsequentes Aufessen derweil (ausnahmsweise!) als Musterknabe dastand, wollte seinen guten Ruf nicht mit einem halb verputzten Gelato aufs Spiel setzen.

Das Publikum gemischt wie selten; am Nebentisch unterhielt man sich über die Unbequemlichkeiten der Untersuchungshaft, gegenüber nahm eine Runde sehr runder Menschen Platz, es gab gutbürgerliche Pärchen, nur keine als solche erkennbare Schickeria. Ein urgemütliches Nachbarschaftsrestaurant also. Eigentlich nichts, worüber man in der Zeitung berichten müsste, aber auf Anhieb in der geheimen Top Ten meines Begleiters gelandet, der mich dringend bat, der freundlichen Signora aus Sizilien ein Dankeschönkärtchen für den Tipp zu schicken. Was hiermit geschehen sein soll.

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