Von Tisch zu Tisch : Riehmers

Wer es gern gemäßigt modern mag, isst in diesem Kreuzberger Restaurant richtig. Wenn jetzt auch der Service noch funktioniert...

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Drinnen gemütlich, im Garten aber einer der schönsten Essensplätze der Stadt: das Riehmers in Kreuzberg.
Drinnen gemütlich, im Garten aber einer der schönsten Essensplätze der Stadt: das Riehmers in Kreuzberg.Foto: Riehmers / promo

Machen wir uns nichts vor: Die jeweils aktuelle Küchenrichtung nimmt immer viele durchaus anspruchsvolle Esser (und manche Kritiker) einfach nicht mit. Sie wollen derzeit keine 20 Petitessen hintereinander, sie wollen auch keine Teller „zum Teilen“, und die Feinheiten fermentierter Schwarzwurzeln auf Schweineschnauze gehen ihnen ganz weit hinten vorbei. Sie sind womöglich sogar von Experten verfemte „Redundanzesser“, wollen also von einem gut zubereiteten Produkt gern einen zweiten oder dritten Bissen.

Das Plus der Altmeister

Mir ist dieser Ansatz nicht unsympathisch. Ich esse auch gern so, wenngleich ich diese traditionelle Auffassung nicht zur Richtschnur meiner Arbeit machen kann. Ein anderer Aspekt ist mir wichtiger: Das traditionelle Kochen leidet meist unter qualitativen Mängeln, und zwar deshalb, weil sich die guten, ehrgeizigen Köche eben sämtlich kreativ und modebewusst geben, schon, weil daran Aufmerksamkeit und Marktwert hängen. (Und wohl auch, weil Liebhaber von Trendküchen bereit sind, mehr Geld zu zahlen. Und wohl auch, weil fermentierte Schwarzwurzeln mehr Deckungsbeitrag abwerfen als Steinbuttfilets.) Oft können nur noch Altmeister wie Karl Wannemacher helfen, der leider sein – stets vorzügliches – „Alt–Luxemburg“ nächstes Jahr schließt und damit viele Stammgäste heimatlos zurücklassen wird.

Noch Luft nach oben

Ins „Riehmers“ bin ich gegangen, weil es heißt, es könne in dieser Richtung behilflich sein. Nach dem Dahindämmern der Ära von Hartmut Guy sind neue Betreiber eingestiegen, und eines ist ihnen sicher: Der lauschige kleine Garten ist einer der schönsten Essplätze in der Stadt. Das hilft jetzt Ende September nicht mehr viel, schauen wir also in die Speisekarte, die sich an der süddeutsch-mediterranen Stilistik orientiert und mit durchweg bekannten Produkten arbeitet: Es gibt Bouillabaisse, Zwiebelrostbraten und Hühnerfrikassee, solche Sachen. Das kann man gut und schlecht machen, hier gelingt es ganz okay – mit Luft nach oben.

Ein Berg Fische

Das Hühnerfrikassee mit Kürbisgnocchi bestach durch eine herrlich altmodische, recht sättigende Sahnesauce, die von einer dunklen Jus umrandet war (10 Euro als Vorspeise). Etwas leichtfüßiger (kann man das so sagen?) trat der Pulpo auf, umgeben von einer kräftig tomatig-kräuterigen Sauce, der wir später als Bouillabaisse wiederbegegnen sollten, und von ganz lustigen Spitzkohl-Bällchen mit Couscous-Füllung (13). Ein kräftig dosierter Hauptgang war die ausgelöste Kalbshaxe mit Salzzitrone, Wurzelgemüse und (recht fader) Grießnocke (23), und die Bouillabaisse war schon versprochen, hier ist sie: ein richtiger Berg aus vier Fischfilets mit Muscheln und Garnelen plus Sauce Rouille, aber ohne Croutons, die durch das mäßige Brot am Tisch nicht zu ersetzen waren (26). Das stimmte generell schon, aber mir persönlich, dem Kritiker zwischen den Stilen, waren die wirklich altmodischen Mengen zu viel, zumal darunter hier auch die innere Balance der Gerichte litt.

Ein Seufzer für den Service

Desserts gehen eher so nebenbei: Nougatmousse mit Johannisbeersorbet und Reineclauden war ein bunter Teller ohne Konzept, und am an Birnenstrudel (an sich stimmig mit Joghurteis und Heidelbeerkompott) fehlte nahezu komplett der Zucker (je 10). Sehr freundlich ist die Weinkarte komponiert, wo echte Spaßweine, überwiegend deutsch, schon knapp über 20 Euro beginnen, endlich mal jemand, der begriffen hat, wie’s geht.
Seufz: Leider ging nun hier bei meinem Besuch der Service grob drunter und drüber. Ich will das nicht auswalzen, es ist sicher kein Grundsatzproblem dieses Restaurants – aber der Personalmangel schlägt eben doch immer heftiger durch. Mit diesem Vorbehalt wage ich aber eine Empfehlung an alle, die es lieber nur gemäßigt modern mögen.

- Riehmers. Hagelberger Str. 9, Kreuzberg, Tel. 7889 1980, geöffnet Dienstag bis Samstag ab 18 Uhr

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