Berlin : Von Tisch zu Tisch: Weinstube Piccolo

Bernd Matthies

Wie wäre es mit einer kleinen Verschnaufpause im Gourmet-Geschäft? Wir können sie gebrauchen nach den finanziellen und kulinarischen Anstrengungen eines überdrehten Herbstes, der Berlin eine Lawine von Auszeichnungen und Neueröffnungen brachte. Offenbar sehen das auch die potenziellen Gäste so: Ich habe noch nie so viele leere Tische gesehen wie dieser Tage bei einem kleinen Rundgang am Gendarmenmarkt und Unter den Linden; schon Silvester scheint in den meisten Restaurants nicht gerade der Knaller gewesen zu sein.

Es darf also gern mal ein wenig bescheidener zugehen im beginnenden Jahr, aber das ist noch lange kein Grund, schlecht zu essen. Eine unter diesem Aspekt empfehlenswerte Adresse ist die schlichte Weinstube in der Reinhardtstraße, die seit Jahrzehnten "Piccolo" heißt, aber erst seit knapp einem Jahr zum Reich des Kölsch-Magnaten Friedel Drautzburg gehört. Kölsch gibt es folglich auch hier, aber der Chef ist natürlich viel zu gewieft, als dass er die Stadt nun mit lauter "Ständigen Vertretungen" zustellen würde. Kein Flammekuchen also, kein Himmel und Äad, sondern die individuellen Zubereitungen des Küchenchefs Andreas Schmidt, der in Berlin schon an vielen - zu vielen? - Herden gestanden und immer gute Arbeit abgeliefert hat.

Wer diese Weinstube besucht, sollte freilich nicht unter einer Politiker-Allergie leiden. Unzählige Fotos zeigen praktisch jeden, der in Deutschland einmal das Sagen hatte, und es wird viel geschluckt auf diesen Fotos; Theo Waigels Augenbrauen, vom Seidelstemmen angespannt, verfolgen einen bis aufs Klo. Scharping mit Vollbart, Kohl, Biedenkopf und Kiep in heiterer Stimmung Jahrzehnte vor der Spendenaffäre, Müntefering mit Frau vor blühenden Obstbäumen - ein kurioser Rahmen. Die übrigen Details des Gastraums signalisieren Bescheidenheit: nackte, nicht eingedeckte Holztische auf Dielenboden, Holz auch an den Wänden, Papierservietten, dazu ein hübsch verglastes Separée für knapp zwei Dutzend Gäste. Die Weingläser sind indessen von guter Qualität, nicht umsonst, denn das Weinangebot ist anspruchsvoll, wenn es auch getrost ein Stück größer und origineller sein könnte. Vor allem erfreut die Kalkulation, denn es gibt viele preiswerte Schoppen, dazu Flaschen bereits unter 30 Mark. Der Schwerpunkt liegt klar in Deutschland, empfehlenswert ist zum Beispiel der kernige Iphöfer Julius-Echter-Berg Riesling Kabinett vom Juliusspital für 49 Mark.

Das Essen ordnet sich nicht unter, sondern glänzt mit eigenem Profil, allerdings auch sehr kleinem Angebot. Fallen dann noch, wie bei unserem Besuch, zwei Positionen wegen Lieferproblemen aus und ein dritter (Kalbsleber) aus rindfleischtheoretischen Gründen, wird es eng. Egal: Sehr gelungen der Zickleineintopf mit Bohnen, Tomaten, Kartoffeln und einem fernen orientalischen Hauch (14,50), originell und handwerklich perfekt die Kaninchensülze mit getrockneten Tomaten und einer zusätzlichen kalten Tomatensauce (16,50), gelungen auch die locker-leichten, ein wenig schwach gewürzten Hechtklößchen mit Rote-Bete-Kartoffeln und Kräutersauce für 19 Mark.

32 Mark kostete der mit Gemüsen gespickte Seeteufel, sehr sorgfältig gegart mit einer an Vanille erinnernden Würze, der allerdings im Kampf gegen die disparaten Beilagen mit fliegenden Fahnen unterging: Das kompakte Rotweinrisotto war übermäßig sauer vom eingekochten Wein, die Lavendelsauce dezidiert süß, dazwischen lagen noch knackbraun angeröstete Artischocken. Vielleicht das nächste Mal lieber mit Lammrücken statt Fisch? Unauffällig schließlich das einzige Dessert, eine leichte Hagebuttenmousse mit Sesamcräckern, ganz vorzüglich die kleine Kollektion von französischen Rohmilchkäsen (18,50), die allein einen Besuch rechtfertigt. Professioneller, fehlerloser Ein-Mann-Service mit Witz.

Ja, was nun? Klar: Hingehen.

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