Von TISCH zu TISCH : Zollpackhof

Das wiederbelebte Biergarten-Restaurant ist eine gute Adresse, um Gäste auszuführen - und die eigene Lust auf bayrische Küche zu stillen

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Ein bissl Stuck, ein bissl bayrisch, ein zünftiger Kamin: die Gaststube des "Zollpackhof" in Mitte - und draußen wartet der Biergarten gleich gegenüber vom Kanzleramt.
Ein bissl Stuck, ein bissl bayrisch, ein zünftiger Kamin: die Gaststube des "Zollpackhof" in Mitte - und draußen wartet der...Foto: Zollpackhof / promo

Überkorrekt kann auch daneben sein. Zum Beispiel wenn man sich bei einer bayrischen Party im vermeintlich korrekten Weißwurstzuzeln versucht, um dann von einem weißblauen Urgewächs zu erfahren, dass zuzeln out ist. Der Bayer von Welt schneidet die Wurst längsseitig auf und hebt das Innere Stück für Stück vorsichtig aus der Pelle, was die Sache mit dem süßen Senf dazu auch noch erheblich erleichtert.

Wiedereröffnung geglückt

Die Weißwürste im Zollpackhof sind eh ein bisschen zu fest geraten zum Zuzeln. Nach langer Umbauphase wird eine der ältesten Gaststätten Berlins auch abseits des Biergartens wieder bespielt. Drei Jahre lang war das Restaurant geschlossen, aber die Mühe hat sich gelohnt. Den Gastraum dominiert ein großer gläserner Kamin, die Lampen vermitteln ein bisschen was von der 200-jährigen Geschichte des Gebäudes, und im Untergeschoss gibt es Nebenräume für Partys und diskrete Tischgespräche, was gegenüber vom Kanzleramt und nur ein paar Schritte vom Hauptbahnhof keine schlechte Idee ist. Experimentelles Essen würde hier kaum hinpassen. Der hausgemachte Gurkensalat, eine kräftige Vorspeisenportion in einer dunkelgrünen Schale, ist deftig angemacht (4,50 Euro).

Ist doch Wurscht

Dampfend, wie es sich gehört, kommt die Tafelspitz-Bouillon auf den Tisch mit Flädle, die man sich wie Eierkuchenstreifen vorstellen darf und murmelgroßen Grießnocken (5,90 Euro). Es gibt hier Schmankerl und Brettl und verschiedene Wurstteller, die man auf Wunsch auch individuell kombinieren kann. Dass zur Berliner Currywurst besser ein Pfefferbeißer-Würstchen passt als die urbayrische Weißwurst, hatte ich mir schon gedacht, wollte aber gern mal den unmittelbaren Kontrast erleben. Der süße Senf gab der weißen Wurst einen niedlichen Biss. Dass mir die Currywurst mit der vorbildlich fruchtig-dicken Sauce trotzdem besser schmeckte, ist eine subjektive Feststellung. Dazu gehörten drei Nürnberger Rostbratwürstel, eines davon war arg schwarz geraten. Zum Zudecken stand ein Fässchen mit scharfem Senf bereit. Dazu gab es einen ländlichen Kartoffelsalat mit Radieschenscheiben und ungeschälten Gurkenschnitzen, klassische Biergartenkost, rund ums Jahr serviert auch im historischen Inneren (12,90 Euro).

Für heimwehkranke Bayern

Sehr gut gefiel der zarte Schweinebraten an einer gut geratenen Dunkelbiersauce. So muss er wohl sein, um heimwehkranke Bayern wenigstens temporär zu kurieren. Dazu gab es Bayrisch Kraut, was man sich stückiger und härter und nicht so sauer vorstellen muss wie Sauerkraut, das passte schon, und die mit Kräutern bestreuten Kartoffelknödel hatten einen authentischen Geschmack und dazu eine lockere Konsistenz (9,90 Euro).
Dass der Kellner einen preiswerteren Wein empfahl, als den von mir ursprünglich ausgeguckten, mit der Begründung, das sei der beliebteste, hätte ich in einem Restaurant, das von einer Brauerei betrieben wird, ganz bestimmt nicht erwartet. Der Graue Burgunder war dann tatsächlich so gut, dass keine Reue über die verschmähte Bierauswahl aufkam (16 Euro).

Hoher Sightseeing-Faktor

Mousse au Chocolat mit Beerensorbet und Würfeln von frischem Obst brauchte noch fast die längste Zeit, rundete aber als graziöser, süßer Akzent das donnernde Mahl einleuchtend ab und war auch nicht zu süß (7,50 Euro).
Dies ist eine gute Adresse, um Gäste auszuführen, auch solche aus dem Ausland. Die Lage hat einen hohen Sightseeing-Faktor. Dazu lassen das gekonnt aufgebretzelte historische Ambiente und ein – für alles, was hier geboten wird – erstaunlich gutes Preis-Leistungs-Verhältnis nach der langen Pause nun auf eine grundsolide Zukunft dieses Biergarten-Restaurants hoffen.

- Zollpackhof. Elisabeth-Abegg-Str. 1, Mitte, Tel. 33 09 97 20, täglich von 10 bis 24 Uhr, www.zollpackhof.de

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