Berlin : Von wegen sechster Sinn

Wolfram Siebeck

im Zwiegespräch mit seinem politischen Haustier Warum... Die meisten Sätze, mit denen Frau Hoffmann einen Dialog eröffnet, beginnen mit „warum“. Da unterscheidet sie sich nicht von infantilen Gemütern, die sich fragen, warum das Benzin so teuer ist, wo einem doch kein Tankwart mehr die Scheiben putzt.

Diesmal bin ich es, der beginnt. „Warum wird euch Katzen nachgesagt, ihr würdet Naturkatastrophen wie Erdbeben und dergleichen im Voraus fühlen?“ Sie liegt auf der Fensterbank, mehr draußen als drinnen, und gähnt. „Vielleicht spüren wir es ja wirklich“, sagt sie und blinzelt in die Gegend. „Ach, mir sagst du aber nichts, wenn die Erde schwankt. Und warum nicht?“ „Wieso? Hat die alte Bude gewackelt?“ Alt ist nicht falsch, aber Bude ist angesichts der antiken Mauern ziemlich respektlos. „Es stand in der Zeitung: In der Türkei hat die Erde gebebt.“ „Na und? Hast du’s gespürt? Ich auch nicht.“ „Wozu ist euer sechster Sinn dann gut?“ „Ich weiß zum Beispiel, dass die Memsahib vorhin im Supermarkt eine neue Sorte Brekkies gekauft hat. Biologisch angereichert, mit Taubenaroma!“ Sie erhebt sich. „Muss mal in die Küche“, murmelt sie. Diese raffinierte Katze! Von wegen sechster Sinn! Und liebevoll ist sie wie ein Wechselwähler, dem eine drastische Steuersenkung versprochen wird. Später kommt sie in mein Zimmer und springt formlos auf meinen Schreibtisch. „Warum hast du diesen komischen Hut auf?“, fragt sie, nachdem ich sie gebührend gekrault habe. „In wenigen Wochen beginnt der Karneval“, erkläre ich ihr das Unerklärliche. „Da probiere ich schon mal einige Kostüme aus.“ „Was soll denn das für ein Kostüm sein? Gehört die Weste auch dazu?“ – „Natürlich. Ich bin ein türkischer Sultan.“ Sie sieht zu viel, hört zu viel, redet zu viel. Ich bedeute ihr, dass die Audienz zu Ende ist. Vor dem Absprung dreht sie sich noch einmal um und fragt mit einem Blick auf ein dickes Buch: „Lernst du Türkisch?“ „Nein“, sage ich. „Das ist ein Weinlexikon. Da steht alles über Wein drin.“ – „Hätt’ ich mir denken können“, murmelt sie und springt. Wenn Frau Hoffmann sich wohl fühlt, rollt sie sich auf dem Teppich. Wie jetzt. „Na, geht’s heute besser?“, frage ich jovial. Sie legt sich auf die Seite und blinzelt zu mir hoch: „Besser als was? Mir ist es egal. Ich bin hier, und hier schmeckt das Putenfleisch besser, wohingegen die Brekkies, nichts für ungut, der reinste Dreck sind. Und es gibt keine frischen Sardinen, habe ich gehört. Das ist nicht besser, sondern un-er-träg-lich.“

Trotz der überwiegend negativen Bilanz rollt sie wieder auf dem Rücken wie ein Füllen auf einer Apfelwiese. Ich erinnere mich, dass Frau Merkel in der „FAZ“ als Füllen bezeichnet wurde, und muss lachen. Frau Hoffmann bezieht das auf sich und produziert eine Extrarolle.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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